Im Bezirk Raphe zeigt sich, wie Frauen den Alltag und die wirtschaftliche Zukunft ihrer Familien und der ganzen Region verbessern – wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen. Ein Interview mit Zemariam Bekele, Gleichstellungsbeauftragte im Projekt.
Interview: Bernd Hauser
Zemariam Bekele, warum arbeiten Sie in Raphe?
In den Städten bekommen Frauen Impulse durch Radio, Fernsehen oder andere Angebote. Im ländlichen Raum haben sie nichts. Sie kämpfen jeden Tag, aber sie haben niemanden, der ihnen hilft.
Was ist für Sie persönlich die grösste Herausforderung?
Dass ich nicht jeden Tag bei meinen Kindern sein kann. Sie gehen in der Provinzhauptstadt Dilla zur Schule.
Wer kümmert sich um die Kinder?
Mein Mann arbeitet bei einer Bank. Wir haben ein Kindermädchen. Das ist in Äthiopien nichts Ungewöhnliches. Ich vertraue ihr. Aber eine Mutter macht sich immer Sorgen.
Wann sehen Sie Ihre Kinder?
An den Wochenenden. Manchmal fahren wir am Mittwochabend mit dem Geländewagen eine gute Stunde über Erdpisten in die Stadt und kommen am Donnerstag früh zurück. Aber oft lässt die Arbeit das nicht zu.
Was ist fachlich die grösste Herausforderung?
Viele Paare verstehen die Vorteile kleinerer Familien. Und bekommen trotzdem ein weiteres Kind. Früher galt: Eine Familie soll möglichst viele Kinder haben. Das sitzt tief. Kinder gelten als Absicherung für die Zukunft.
Wie war die Situation vor Projektbeginn?
Die Menschen arbeiten sehr hart. Aber das Land reicht nicht mehr, weil die Familien wachsen. Die Felder sind klein geworden, oft fehlt Wissen über bessere Anbaumethoden. In fast allen Familien kommt es zu regelmässig zu Nahrungsmangel. Gleichzeitig tragen Frauen eine enorme Last.
Könne Sie ein Beispiel geben?
Sie stellen das Kotcho her, das Grundnahrungsmittel aus der Ensete-Staude. Die Pseudostämme und Knollen werden zu einem stärkereichen Brei geschabt. Dieses sehr anstrengende Arbeit ist traditionell Aufgabe der Frauen. Und oft tragen sie dabei noch zwei Kinder, eins auf dem Rücken, eins an der Hüfte.
Sie sind jetzt ein Jahr in Raphe. Auf was sind Sie stolz?
Auf die Fortschritte bei der Familienplanung. In den sieben Gemeinden, in denen wir arbeiten, gibt es rund 10’080 Frauen im gebärfähigen Alter. Zu Beginn nutzten etwa 15 Prozent Familienplanung. Jetzt sind es rund 20 Prozent. Das heisst, etwa 500 Frauen sind neu hinzugekommen.
Also ist Wandel möglich.
Ich sehe drei Gruppen von Frauen. Etwa 20 Prozent verstehen sofort die Vorteile von Familienplanung und setzen sie um. Rund 30 Prozent hören zu, zögern aber. Und etwa 50 Prozent lehnen sie ab.
Warum?
Wir sind die erste NGO im Bezirk. Viele Einheimische sind misstrauisch. Sie fragen sich: Was geht es diese Leute an, wieviel Kinder wir haben? Es ist ja auch ein privates Thema, und es braucht Zeit.
Welche Methoden werden am häufigsten genutzt?
Wir erklären die Vor- und Nachteile von Pille und Dreimonatsspritze. Zwei Drittel der Frauen entscheiden sich für die Spritze. Sie müssen nicht täglich daran denken. Manche wählen sie auch, weil sie ihren Mann nicht um Zustimmung fragen wollen. Mit der Pille wäre das schwieriger.
Hat sich das Gesprächsklima insgesamt verändert?
Ja. Wir haben Peer Educators ausgebildet, zwölf in jeder Gemeinde, Frauen wie Männer. Sie sprechen über Familienplanung in ihren Nachbarschaften. Auch in unseren Spargruppen ist Verhütung ein Thema. Frauen fragen dort offen nach.
Diese Spar- und Kreditgruppen spielen also eine wichtige Rolle?
Sie sind unser wichtigster Einstiegspunkt. Frauen nehmen Mikrokredite auf, sehen konkrete Vorteile und sind bereit zuzuhören. Wenn sie ein eigenes Gewerbe aufbauen wollen, verstehen sie auch, dass eine weitere Schwangerschaft dieses Ziel gefährden kann.
Es geht also nicht nur um Familienplanung, sondern um die Stellung der Frauen insgesamt.
Ja. Traditionell gelten Knaben als wertvoll, Mädchen nicht. Sie heiraten ja ohnehin und verlassen die Familie. Warum sollte man in sie investieren? Das ist das Denken. Wir arbeiten daran, diese Haltung zu verändern.
Wie zeigt sich diese Benachteiligung konkret?
Während ihrer Menstruation bleiben Mädchen oft zu Hause, weil sie keine Binden haben. Das führt zu Lernlücken und manchmal zu Schulabbrüchen. Deshalb stellen wir Hygieneartikel bereit. Als ich im Gymnasium von Raphe nach dem Bedarf fragte, erfuhr ich: Es gibt 810 Schüler, aber nur 89 Schülerinnen. Viele Mädchen werden schon mit etwa 15 Jahren verheiratet.
Wie verbreitet sind frühe Ehen?
Unsere Baseline-Studie ergab, dass rund 40 bis 50 Prozent der Frauen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet wurden.
Wie wollen Sie solche Strukturen verändern?
Wir arbeiten mit dem Konzept der «Modellfamilien für Gleichstellung». Das sind Familien, die sich Arbeit im Haushalt gerechter aufteilen und Frauen in die Entscheidungen einbeziehen. Wenn auch Männer und Kinder ihren Beitrag an Pflichten leisten, bleibt den Frauen mehr Zeit für Bildung oder einkommensschaffende Tätigkeiten. So zeigt sich, dass Gleichstellung das Leben der ganzen Familie verbessert.
Wie haben Sie solche Modellfamilien gefunden?
Wir haben mit rund 90 Familien über Rollenverteilung, Familienplanung und Zusammenarbeit in der Familie gesprochen. Danach haben sich 30 Familien bereit erklärt, diesen Weg mitzugehen. Sie sollen als Vorbilder wirken.
Funktioniert das?
Ja. Von den 30 Familien sind etwa 20 so weit, dass Nachbarn bereits ihre Arbeitsweise übernehmen.
Sie haben also Erfolgserlebnisse.
Durchaus. Auch kommen Frauen auf mich zu und sagen, wie glücklich sie sind, dass sie dank Familienplanung nicht mehr ständig Angst vor einer weiteren Schwangerschaft haben.
Was möchten Sie noch erreichen?
Dass mehr Mädchen die weiterführende Schule besuchen. Dafür müssen wir schon in der Grundschule ansetzen, dort ist das Verhältnis sieben Knaben auf drei Mädchen. Ich möchte die Zahl der Modellfamilien für Gleichstellung auf 70 erhöhen. In diesem Jahr sollen weitere 1000 Frauen mit Familienplanung beginnen. Das sind realistische Ziele.