Eldana trug schon die Verantwortung einer Erwachsenen. Heute hat die Elfjährige wieder mehr Zeit für Schule, Tanzen und ihre Katze.
Wenn die Nacht hereinbrach, war Eldana oft allein mit ihren kleinen Brüdern. Sie machte Essen, wusch das Geschirr und brachte sie ins Bett. Sie war die Älteste, also war sie verantwortlich. Eldana war zehn Jahre alt.
Ihre Mutter Amele Nigatu zieht ihre drei Kinder allein gross. Der Vater hat die Familie verlassen. Um etwas zu verdienen, nahm Amele jede Arbeit an, die sie fand. Sie backte Brot, half bei Hochzeiten und anderen Festen, oft weit entfernt, sodass sie nachts nicht nach Hause zurückkehren konnte.
Also brachte Eldana morgens den siebenjährigen Kidus in die Schule und den fünfjährigen Fikir in den Kindergarten, sie kochte, wusch und putzte und half den Knaben am Nachmittag bei den Hausaufgaben. Zusätzlich versuchte sie, selbst in der Schule mitzukommen. Manchmal erledigte sie ihre Hausaufgaben in den Pausen, während die Freundinnen spielten.
Ist es nicht ungerecht, dass ein Mädchen mit zehn Jahren so viel arbeiten muss? Eldana schaut verblüfft. Diese Frage scheint ihr noch nie in den Sinn gekommen zu sein. Dann sagt sie: «Meine Mutter hätte es doch ohne mich nicht geschafft!»
«Eldana dachte schon wie eine Erwachsene», erinnert sich Martha Eshetu, eine Sozialarbeiterin von Menschen für Menschen. «Sie dachte immer nur: Jetzt muss ich das machen. Und danach jenes.»
Martha sprach mit der Mutter. «Ich habe ihr gesagt: Eldana braucht Zeit für sich. Sie ist ein Kind.» Natürlich könne sie zu Hause mithelfen, so wie die allermeisten Kinder in Äthiopien. Aber Eldana könne nicht die Verantwortung einer Erwachsenen übernehmen.
Heute arbeitet Amele nur etwa 60 Meter von der Wohnung entfernt. Mit einem Mikrokredit von Menschen für Menschen hat sie einen kleinen Imbiss eröffnet: ein paar Holzstangen, darüber eine Plastikplane, darunter die Fritteuse. 30 Birr, umgerechnet 15 Rappen, kostet eine Portion Pommes Frites.
Manchmal hilft Eldana ihrer Mutter. Sie schneidet Kartoffeln und faltet aus Papierbögen dreieckige Tüten. Im heissen Öl zischt es. Amele füllt die knusprigen Stäbchen in die Papiertüten. Das Geschäft läuft. An guten Tagen setzt Amele umgerechnet bis zu fünf Franken um. Damit verdient sie drei Mal mehr als früher. Den ersten Mikrokredit über 30 Franken hat sie bereits nach sechs Monaten in die Kasse ihrer Selbsthilfegruppe zurückgezahlt. Inzwischen hat sie einen neuen Kredit über 50 Franken aufgenommen. Sie möchte ihr Angebot erweitern: «Die Leute essen gerne Pommes Frites-Sandwiches.»
Für Eldana ist mindestens ebenso wichtig, wo ihre Mutter das Geld verdient: fast vor der Haustür, einen Steinwurf von der winzigen Wohnung, wo die beiden Knaben spielen.
Die Dämmerung kommt schnell, fast schlagartig wird es dunkel. Während die Mutter weiter an der Fritteuse steht, hüpft Eldana nach Hause, um nach den Brüdern zu schauen. «Immer noch hilft sie ihrer Mutter sehr viel. Aber sie trägt nicht mehr die Verantwortung von früher», sagt Martha. «Ihre Mutter muss nicht mehr über Nacht fort.»
Die Sozialarbeiterin achtet darauf, dass Eldana mehr Zeit für sich bekommt und wieder Kind sein darf. «Ich habe der Mutter gesagt: Du kannst die Kartoffeln zu Hause auch allein vorbereiten. Eldana soll zum Tanzen gehen.» Zwei- bis dreimal in der Woche trifft sich Eldana jetzt für eine Stunde mit anderen Kindern und Jugendlichen aus dem Viertel. Martha hat dafür gesorgt, dass Eldana einen Platz in einer Tanzgruppe bekam.
Die Musik setzt ein. Eldana wirft den Kopf nach links und rechts. Ihre Beine wippen, die Schultern zucken im schnellen Rhythmus des traditionellen äthiopischen Tanzes. Schweissperlen stehen auf ihrer Stirn, das Gesicht ist ernst und konzentriert. «Ich liebe das Tanzen», sagt Eldana in einer Pause. «Dann kann mein Kopf entspannen.» Auch für die Schule und die Freundinnen dort bleibt heute mehr Zeit. Am liebsten mag Eldana Mathematik. «Das ist leicht für mich. Ich gehöre zu den Besten in der Klasse.»
Inzwischen gibt es auch Stunden, in denen Eldana einfach zu Hause sein kann. Dann kommt Marua zu ihr, die Katze der Familie. Ihr Name bedeutet «mein Honig». Eldana streicht ihr übers Fell, Marua schnurrt. Nachts schläft sie mit der Familie auf der grossen Matratze. Katzenfutter kaufen sie ihr nicht. «Wir haben sie nicht nur als Haustier», erklärt Eldana. «Sie fängt uns die Mäuse in der Wohnung weg.»
In den stillen Momenten denkt Eldana an ihre Zukunft. Ärztin möchte sie werden. Und wenn das nicht klappt? Dann vielleicht Ingenieurin. Warum? «Ich möchte meiner Mutter ein schönes Haus bauen.»