Misrah hatte ständig Angst, dass ihre Familie das Daheim verliert. Heute ist die 13-Jährige beruhigt: Sie können bleiben.
Misrah beugt sich mit ihrem kleinen Bruder über die Mathe-Hausaufgaben. Wenn der neunjährige Reyan nicht weiterweiss, hilft ihm seine grosse Schwester. Mathematik kann Misrah besonders gut: Die 13-Jährige ist Zweitbeste in ihrer Klasse.
Ihr neues Zuhause ist ein grosser Raum mit Lehm- wänden, auf dem Boden liegt ein Teppich aus Kunstfaser. Alles ist sauber. Seit einem Monat lebt die Familie in einer Sozialwohnung von Menschen für Menschen. «Hier fühle ich mich sicher», sagt Misrah.
Was sie damit meint, versteht man erst, wenn sie von früher erzählt. Mit ihrer Mutter Alayaka Shurala lebten die Geschwister in einem gerade einmal sechs Quadratmeter kleinen Verschlag. «Wir konnten dort nicht spielen.» Sogar zum Schlafen war kaum Platz. Schlimmer aber war die Angst vor dem Vermieter. Wenn Alayaka mit der Miete im Rückstand war, schrie er die Familie an. Mehrmals stellte er den Strom ab.
«Das war meine grösste Angst», sagt Misrah. «Hat meine Mutter genug Geld für die Miete?» Eines Tages hatte sie es nicht. Der Vermieter stellte die wenigen Habseligkeiten der Familie vor die Tür. Alayaka weinte und flehte. Vergeblich. Die Mutter und ihre beiden Kinder standen ohne Wohnung da. Andere Menschen halfen ihnen, eine noch einfachere Behausung zu finden. Dort lebten sie ein Jahr. Vor einem Monat konnten sie in die Sozialwohnung von Menschen für Menschen ziehen.
Heute ist die Angst verschwunden. Nach den Hausaufgaben spielt Misrah mit Reyan «Schere, Stein, Papier». Natürlich streiten die Geschwister auch. «Zum Beispiel, wenn ich meinen kleinen Bruder bitte, die Teller wegzuräumen, und er sich weigert», erzählt Misrah. Ganz normale Geschwisterliebe.
Aber eine Sorge hat Misrah nicht mehr: die Panik, ihr Zuhause zu verlieren. «Ich weiss: Morgen werden wir noch hier wohnen.»
Ein Ort zum Bleiben
Menschen für Menschen baut in Debre Berhan Sozialwohnungen für besonders arme Familien und ihre Kinder. Die Stadt stellt Grundstücke und lokale Baumaterialien zur Verfügung. In der aktuellen Projektphase von 2025 bis 2027 entstehen 96 Wohnungen. Bereits in den Jahren zuvor erhielten 199 Familien mit 434 Kindern ein neues Zuhause.