Am liebsten mag Kalkidan Englisch. «Meine Lehrerin ist so nett», sagt die Zehnjährige. Sie geht gern zur Schule, «weil ich dort meine Freundinnen treffe». Nicht immer hatte sie einen so normalen Kinderalltag. Kalkidans Mutter musste mit ihr und ihrem kleinen Bruder vor dem Krieg in Tigray fliehen.
KALKIDAN WURDE IN TIGRAY, der nördlichsten Region Äthiopiens, geboren. Ihr Vater ist Tigrayer. «Mir war gar nicht bewusst, dass ich Amhara bin», erzählt ihre Mutter Firehiwot. Dann kam der Bürgerkrieg und plötzlich wurde die ethnische Herkunft in ihrer Ehe zum Problem. Ihr Mann begann ihr zu misstrauen. «Er wurde aggressiv. Er sagte: Irgendwann wirst du mich umbringen», erzählt Firehiwot. Sie bekam Angst um sich und ihre Kinder.
Zu Fuss und auf Lastwagen schlugen sie sich bis in die Hauptstadt Addis Abeba durch. Schliesslich kehrte Firehiwot in ihre Heimatstadt Debre Berhan zurück. Das Leben war hart. Tagsüber schleppte sie Steine auf Baustellen, nachts backte sie Fladenbrot.
Erst ein Mikrokredit von Menschen für Menschen brachte die Wende. Firehiwot machte aus dem nächtlichen Zubrot ein eigenes Geschäft: Sie begann, das Fladenbrot in grösseren Mengen zu backen und an Hotels und Restaurants zu verkaufen. Mit einem weiteren Kredit kaufte sie einen Elektroherd. Heute kann sie davon ihre Familie ernähren.
Die drei leben in einem einfachen Zimmer mit frisch gestrichener Wand. Alles wirkt sauber und ordentlich. Ist Kalkidan glücklich? Sie wiegt nachdenklich den Kopf. «Ja», sagt sie schliesslich. «Wegen meiner Mutter und meines Bruders. Wir haben etwas zu essen und einen Ort, an dem wir leben können.»
Flucht im eigenen Land
Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat, in dem ethnische Konflikte immer wieder Menschen vertreiben. Besonders verheerend war der Tigray-Krieg von 2020 bis 2022. Rund 3,3 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes vertrieben. Auch manche der ärmsten Kinder in Debre Berhan stammen aus Flüchtlingsfamilien. Menschen für Menschen hilft ihnen, sich eine neue Existenz aufzubauen.