«Ich bin ein ehrlicher Mensch», sagt Habtamu. Der Zwölfjährige arbeitet als Abfallsammler, zusammen mit Bora, einem jungen Pferd. Lieber würde er Fussball spielen: unterwegs mit dem Knaben bei seiner Arbeit in der Stadt Debre Berhan.
«Wie geht es dir heute, Bora?“, sagt Habtamu leise. Er streicht dem Pferd über den Hals. «Geht es dir gut?» Der dreijährige Wallach spitzt die Ohren. Habtamu legt ihm vorsichtig die Scheuklappen an, sie sind aus dem Plastik eines alten Wasserkanisters geschnitten – damit das Tier im Krach und Getriebe der Stadt nicht scheut.
Dann steigt Habtamu auf den Karren, nimmt die Zügel. «Los geht´s!» Das zweirädrige Gefährt setzt sich in Gang, springt über faustgrossen Schotter, es rumpelt metallisch. Habtamu steht auf dem Karren, die Knie leicht gebeugt, um die Schläge abzufedern.
Der Wallach hat eigentlich keinen Namen. «Aber ich nenne ihn Bora», sagt Habtamu. «Bora bedeutet: mutig.» Andere Pferde hätten nicht genug Kraft und Eifer für die Hänge in der hügeligen Stadt Debre Berhan. «Aber Bora schon! Wenn er mal langsamer wird, frage ich ihn. Was ist los heute? Wenn er schnell läuft, lobe ich ihn: So ist es gut, so ist es gut!»
Um Habtamus Hals hängt eine Tröte aus Messingblech. Immer wieder setzt er sie an die Lippen. Das Tuten tönt an gegen das Gekrächze von Raben, das Weinen von Kindern, gegen dröhnende Schlagermusik an Strassenimbissen und das Grollen der Motoren von Lastwagen auf der Hauptstrasse. Es ist ein Signal, das jeder kennt: Der Abfallsammler kommt.
Quietschend öffnen sich Blechtore, Bewohner stellen mit Unrat gefüllte Säcke aus gewebtem Kunststoff auf den Boden. Habtamu springt vom Bock, hievt die Säcke über die Seitenwände des Karrens und leert den Inhalt aus und bringt die Säcke zurück zu ihren Besitzern. Manchmal verzieht sich sein Gesicht unter der Anstrengung. Manche Säcke sind schwer und Habtamu ist ein schmaler Knabe von zwölf Jahren.
Oft riecht der Inhalt der Säcke verbrannt. Viele Familien fackeln die Abfälle ab und entsorgen die verkohlten Reste bei Habtamu. Der Müll wird nach Säcken bezahlt, Habtamu nimmt die zerfledderten, abgegriffenen Scheine entgegen, 30 Birr, umgerechnet 15 Rappen.
In der Stadt Debre Berhan gibt es weder eine städtische Müllabfuhr noch eine nachhaltig organisierte Abfallverwertung oder -deponie. Der Abfall wird von privaten Anbietern eingesammelt und vor der Stadt auf einem Platz abgeladen. Dort streiten Geier und Marabus um Schafschädel im Abfall.
Das Einsammeln und die Tour zur wilden Deponie dauert für Habtamu rund zwei Stunden. Danach übergibt er den gesamten Umsatz dem Besitzer von Pferd und Karren. Meist beträgt der Umsatz rund 600 Birr. Der Besitzer gibt Habtamu dann seinen Lohn, ein Sechstel des Umsatzes, rund 100 Birr, umgerechnet 50 Rappen.
Ist das fair? «Nein, das ist es nicht», sagt Habtamu. «Aber ich habe keine andere Wahl. Wir brauchen das Geld, um Brot und Zucker und andere Sachen zu kaufen.» Spürt er manchmal die Versuchung, nicht das ganze Geld an den Besitzer von Karren und Pferd abzugeben? «Nein», sagt Habtamu. «Der Besitzer vertraut mir. Ich bin ein ehrlicher Mensch.»
Zurück in seinem Viertel stoppt Habtamu den Karren und geht zu seinem Zuhause: Ein Zimmer mit krummen Lehmwänden. Mehrere Haushalte teilen sich einen Wasserhahn auf dem gemeinsamen Hof. Habtamu füllt Wasser in eine Plastikschüssel und bringt sie dem Pferd.
Habtamu lebt in dem Zimmer mit seiner Mutter und drei Geschwistern. Die vierzehnjährige Betelihem ist hörbehindert. Eigentlich müsste sie längst die fünfte Klasse besuchen, doch sie ist erst in der zweiten. Die sechsjährige Selamawit und der vierjährige Yonas spielen auf dem Boden. Die Mutter, Bizuye Girma, sitzt auf dem Bett. «Habtamu und ich sind die beiden Ernährer», sagt sie. Sie fragt im Viertel nach Gelegenheitsjobs, wäscht von Hand die Wäsche für andere Familien und backt Injerra, das äthiopische Fladenbrot. Sie hatte zwei Männer und beides Mal hatte sie Pech: Sowohl der Vater von Betelihem und Habtamu als auch der Vater der jüngeren Geschwister haben sie Knall auf Fall verlassen und sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Dass Habtamu arbeiten muss, belastet die Mutter. «Sein Einkommen ist entscheidend», sagt Bizuye Girma. Früher seien sie oft hungrig ins Bett gegangen. «Manchmal hatten wir den ganzen Tag nichts zu essen.» Seit Habtamu arbeitet, sei das anders. «Jetzt können wir wenigstens zweimal am Tag essen.» Der Knabe sitzt daneben und hört still zu. «Aber ich schäme mich», sagt seine Mutter. «Eigentlich sollte er sich auf die Schule konzentrieren dürfen.»
Obwohl er so viel arbeitet, ist er kein schlechter Schüler, er liege im Mittelfeld der Klasse, sagt er. Sein Lieblingsfach ist Sport. «Vielleicht werde ich später Fussballprofi», sagt er. «Oder Leichtathlet.»
Die Ziele seiner Mutter liegen näher: Bizuye ist seit neuestem Mitglied in einer Selbsthilfegruppe von Menschen für Menschen. Im Kinderprojekt der Stiftung werden nicht nur die 1800 Kinder aus den ärmsten Familien mit Schulmaterial und psychosozialer Begleitung gefördert. Auch ihre Mütter erhalten Impulse über Schulungen und Mikrokredite. «Ich möchte Injerra backen, aber auf eigene Rechnung», sagt die Mutter. «Wenn das klappt, kann ich ein kleines Strassenlokal eröffnen und Tee servieren und kleine Gerichte.» Wenn das Geschäft am Laufen sei, dann solle Habtamu seine Arbeit als Abfallsammler beenden.
«Ich würde sofort aufhören», sagt Habamu. Dann geht er hinaus, um nach Bora zu sehen. Der Wallach steht noch immer mit gesenktem Kopf geduldig an der Strasse.
Unsere Reportage beschreibt Habtamus Situation vor einem Jahr. Inzwischen hat sich das Leben der Familie verbessert, dank der Förderung durch Menschen für Menschen.
Heute wuchtet Habtamu keine schweren Abfallsäcke mehr. Stattdessen stellt er nachmittags einen Kessel auf die Holzkohlenglut, füllt heisses Wasser in kleine Gläser.
Er hilft seiner Mutter in ihrer neuen Teestube. Bizuye Girma hat sie mit Mikrokrediten von Menschen für Menschen aufgebaut. Neben Tee verkauft sie Tella, ein Getränk aus fermentiertem Getreide. Rund 17 Franken Gewinn bleiben ihr pro Woche. Auf die 50 Rappen, die Habtamu für eine anstrengende Tour als Abfallsammler bekam, ist die Familie nicht mehr angewiesen. Bizuye hat schon den nächsten Plan: «Ich möchte ein richtiges Speiselokal aufbauen.»
Habtamu hat jetzt genug Zeit, sich auf die Schule zu konzentrieren. Besonders gern mag er Sport. «Ich möchte Fussballprofi werden», sagt er. «Wenn das nicht klappt, dann eben Marathonläufer!»