Seit Jahren leben tausende Vertriebene in zwei Camps bei der Stadt Haik. Viele haben weder Arbeit noch ein verlässliches Einkommen. Menschen für Menschen unterstützt nun 757 Familien mit Bargeld. 100 weitere Familien sollen sich mit Starthilfe eine neue Existenz aufbauen können.
Teyiba Ahmed ist 34 Jahre alt, Witwe und Mutter von vier Kindern. Seit rund sechs Jahren lebt sie in einem Camp für Binnenflüchtlinge bei der Stadt Haik im Bundesstaat Amhara. Manchmal bäckt sie Injera, das äthiopische Fladenbrot. Rund 1000 Birr verdient sie damit im Monat, sagt sie. Das sind umgerechnet etwa fünf Franken. Sie wirkt schwach, ihre Wangenknochen treten hervor.
Teyibas früheres Leben liegt weit entfernt, in Wollega im Westen Äthiopiens. Dort wurde ihr Mann bei einem Massaker getötet. Teyiba sah ihn unter den Toten liegen. Es gab keinen Zweifel: «Ich wusste, welche Kleider er an jenem Tag anhatte», sagt sie. Mit ihren Kindern floh sie aus Wollega nach Haik.
Sie war in Wollega aufgewachsen, weil ihre Eltern dorthin umgesiedelt worden waren: Während der grossen Hungersnot Mitte der 1980er-Jahre liess die damalige Regierung Hunderttausende Menschen aus den besonders betroffenen Gebieten im Norden Äthiopiens in den fruchtbareren Westen und Südwesten des Landes bringen. Teyiba erlebte dort eine friedliche Kindheit und Jugend.
Doch nach 2018 verschärften sich in Westäthiopien ethnische Spannungen und bewaffnete Konflikte. Angehörige der Volksgruppe der Amhara wurden aus ihren Dörfern vertrieben, bei Angriffen starben zahlreiche Menschen. In Wollega waren es vor allem bewaffnete Gruppen aus dem Umfeld der «Oromo Liberation Army», die Amhara angriffen und vertrieben.
Ethnische Konflikte haben in Äthiopien viele Menschen zu Geflüchteten im eigenen Land gemacht. Rund 2500 von ihnen leben in zwei Camps bei Haik. Darunter sind 403 Kinder unter fünf Jahren.
Auch Gete Agegnehu Haile kam mit ihren Eltern und ihrem Mann aus Wollega. Die 26-Jährige lebt heute mit ihrem fünfjährigen Sohn Chernet im Camp. Ihr Mann versucht im rund 30 Kilometer entfernten Dessie als Friseur Geld zu verdienen. Doch sein Lohn reicht kaum für ihn selbst, seiner Familie kann er nur wenig schicken. «Ich muss mich hier mit meinem Sohn weitgehend allein durchschlagen», sagt Gete. Wenn sie Arbeit findet, verdingt sie sich als Tagelöhnerin. Die allermeisten Familien haben wie Gete keine verlässliche Einnahmequelle. Zugleich hat die hohe Inflation in Äthiopien Lebensmittel stark verteuert. Manche Familien essen deshalb weniger, kaufen Lebensmittel auf Kredit oder machen Schulden.
Mare Dinkiye, 18, versuchte ihrer Familie auf andere Weise zu helfen. Über eine Agentur fand sie eine Stelle als Hausangestellte in Saudi-Arabien. Die Kosten für ihre Reise streckte die Agentur vor. Doch die Arbeit endete bereits nach 18 Tagen. Mare erzählt, sie sei für einen Haushalt eingestellt worden, habe aber zusätzlich in einem zweiten arbeiten sollen. Sie habe sich geweigert und auf die ursprüngliche Vereinbarung verwiesen. Bei dem folgenden Streit sei sie von ihrem Arbeitgeber aus dem zweiten Stock gestossen worden. So erzählt sie es. Was genau geschah, lässt sich nicht überprüfen. Fest steht, dass Mare mit Beinverletzungen nach Äthiopien zurückkehrte. In Saudi-Arabien war sie bereits medizinisch behandelt worden, zu Hause erhielt sie weitere, traditionelle Behandlungen und Massagen. Will sie noch einmal als Arbeitsmigrantin ins Ausland? «Wenn es möglich ist, werde ich wieder gehen. Ich muss doch meiner Familie helfen!», sagt Mare. «Nur nach Saudi-Arabien möchte ich nicht zurück.»
Menschen für Menschen ermöglicht nun gemeinsam mit der lokalen Partnerorganisation Emmanuel Development Association (EDA) Nothilfe in den beiden Camps. 757 besonders bedürftige Familien erhalten zweimal Bargeld. Je nach Familiengrösse sind es pro Auszahlung umgerechnet zwischen 43 und 58 Franken.
«Früher haben Hilfsorganisationen oft Lebensmittel gekauft und aufwändig mit Lastwagen in die betroffenen Gebiete gebracht», sagt Getachew Zewdu. «Aber hier in Haik funktionieren die Märkte. Die Familien können also selbst einkaufen. Sie wissen besser als wir, was ihnen gerade am dringendsten fehlt.» Das kann Mehl oder Getreide sein, aber auch ein Medikament, Seife oder Bedarf für die Schule.
Für 100 Familien, die alle Voraussetzungen für den Aufbau eines eigene Gewerbes erkennen lassen, ist zusätzlich Starthilfe vorgesehen. Sie sollen sich in fünf Selbsthilfegruppen organisieren. Dort erhalten sie Schulungen, Beratung und Startkapital. Sie lernen, wie man ein kleines Geschäft plant, Einnahmen und Ausgaben kalkuliert und Geld zurücklegt. Denkbar sind Kleinhandel, die Mast von Schafen oder Ziegen, ein Obst- und Gemüsestand oder ein kleiner Imbiss.
«Die Menschen überleben seit Jahren von Tag zu Tag», sagt Getachew Zewdu. «Sie brauchen die Chance, verlässlich eigenes Geld zu verdienen, um endlich wieder Fuss zu fassen.»