Worku Alemu besitzt kaum Land und verdient ein paar Rappen mit der Reparatur von Regenschirmen. Jetzt setzt der Familienvater auf eine ungleich ergiebigere Einnahmequelle: fünf neue Bienenkästen.
Plötzlich prasselt der Regen auf das Dach – ein nachmittäglicher Wolkenbruch. Kurz darauf tropft Wasser von der Decke. Worku Alemu greift nach einem Regenschirm und spannt ihn über seinem Besucher aus der Schweiz auf, damit die Tinte in seinem Notizbuch nicht verschwimmt.
Mit Regenschirmen kennt Worku sich aus. Vor allem Frauen tragen sie auf den langen Wegen zwischen ihren kleinen Bauernhöfen und dem Markt – nicht nur als Schutz vor Niederschlägen, sondern vor allem gegen die brennende Sonne. Worku versucht, daraus ein kleines Geschäft zu machen. An Markttagen sitzt er zwischen Frauen, die geschmuggelte Secondhand-Kleider aus Kenia anbieten oder ein paar Knoblauchzehen und Kartoffeln, und wartet auf Kundschaft.
Einen Werkzeugkasten hat er nicht. Er hat ein einziges Werkzeug: eine einfache Zange. «Damit repariere ich Schirme.» Das Handwerk liegt in der Familie. Sein Vater und seine älteren Brüder haben ihm beigebracht, verbogene Streben zu richten und kaputte Schirme wieder brauchbar zu machen. Bis zu 50 Birr verdient Worku damit an einem Markttag. Das sind umgerechnet etwa 25 Rappen.
Der 35-Jährige lebt mit seiner Frau Tsehaynesh und ihren vier Kindern in Raphe im Süden Äthiopiens. Ihr Haus ist ein einfaches Tukul, eine traditionelle Rundhütte. Zwischen den Streben der Wand klaffen grosse Lücken, das Dach ist nur mit Blättern der Ensete-Staude gedeckt. Betten gibt es nicht. Die Familie schläft auf getrockneten Ensete-Blättern. Auf dem Dach steht eine kleine Solarzelle – der einzige sichtbare Hinweis auf das 21. Jahrhundert. Sie liefert Strom für ein altes Nokia-Handy.
Die jüngste Tochter Meseret ist drei Jahre alt. Am linken Fuss trägt sie einen Plastikschuh, rechts läuft sie barfuss. Auch ihre Geschwister besitzen kaum Kleidung. Die Eltern haben ein paar Sachen zum Wechseln. «Wir tragen sie nur sonntags, wenn wir zur Kirche gehen», sagt Worku.
Auch das Essen ist knapp. Geld für Kaffeebohnen hat die Familie nicht. Stattdessen brüht Tsehaynesh morgens aus den Schalen der Kaffeefrüchte einen Sud auf. Dazu gibt es ein paar Ackerbohnen. Das Mittagessen fällt aus. Abends isst die Familie meist Kohl mit Kocho, einem brotähnlichen Grundnahrungsmittel aus der stärkereichen Ensetestaude. Wenn Worku auf dem Markt etwas verdient, bringt er manchmal ein paar Tomaten oder Kartoffeln mit. Fleisch gibt es nie.
Worku hat lediglich einen Viertelhektar Land. Darauf steht vor allem Ensete, dazwischen wachsen Kohl und Bohnen. Zusätzlich fertigt er Körbe aus Bambus. Er nutzt jede Möglichkeit, etwas zu verdienen. Deshalb hält er auch schon länger Bienen.
Seine fünf traditionellen Bienenkörbe hat Worku selbst aus Zweigen gebaut und mit Lehm abgedichtet. Er hängt sie hoch in die Bäume – in der Hoffnung, dass ein Bienenvolk einzieht. Hat er Erfolg, beginnt die gefährliche Arbeit: Will Worku kontrollieren, ob der Honig erntereif ist, muss er hinaufklettern. Auch geerntet wird häufig oben im Baum, meist nachts oder früh am Morgen, wenn die Bienen weniger aggressiv sind. Stiche und Stürze sind ein ständiges Risiko.
Auch die Ernte selbst ist mühsam. Worku muss den traditionellen Bienenkorb vom Baum holen und vollständig öffnen. Weil die Bienen ihre Waben fest an die Innenwand bauen, werden sie bei der Ernte herausgeschnitten. Dabei wird das Nest zerstört.
Ein traditioneller Stock liefert nach Angaben der Fachleute vor Ort gewöhnlich nur vier bis sechs Kilogramm Honig im Jahr. Menschen für Menschen stattete Worku deshalb mit fünf neuen Bienenkästen aus und schulte ihn drei Tage lang im Umgang damit. Aus jedem seiner alten Stöcke setzte er ein Bienenvolk in einen der neuen Kästen um.
Die Kästen stehen auf Gestellen auf dem Boden. Im Inneren liegen einzelne Holzleisten quer über dem Kasten. An jeder bauen die Bienen eine Wabe. Worku kann die Leisten einzeln herausheben und so kontrollieren, wie sich das Volk entwickelt und ob der Honig erntereif ist. Bei der Ernte kann er gezielt Waben mit reifem Honig entnehmen, ohne dabei die Brutwaben zu zerstören.
Das macht die Imkerei einfacher und sicherer – und steigert den Ertrag erheblich. Nach Angaben der Fachleute vor Ort liefern die neuen Kästen etwa 15 bis 20 Kilogramm Honig pro Volk und Jahr, ein Mehrfaches der traditionellen Stöcke. Bei Worku scheint die Rechnung aufzugehen: Einen seiner fünf Kästen hat er bereits abgeerntet. Vier Eimer kamen zusammen, rund 20 Kilogramm Rohhonig – eine Mischung aus Honig und Waben. Dafür gibt es in Äthiopien einen grossen Markt: Rohhonig wird vor allem zur Herstellung von Tej, dem traditionellen äthiopischen Honigwein, verwendet.
Für einen Eimer könnte Worku derzeit etwa 2500 Birr (knapp 13 Franken) erzielen. Doch er wartet. «Gerade haben viele Imker geerntet, entsprechend gross ist das Angebot», sagt er. «Wenn weniger Honig auf dem Markt ist, kann ich 3000 Birr dafür bekommen.»
Was das für ihn bedeutet, zeigt ein Vergleich: Für den Wert eines einzigen Eimers, müsste Worku 60 Tage lang Regenschirme reparieren.
Vier Eimer hat ihm ein einziger Bienenkasten geliefert. Eigentlich könnte Worku nun auch die übrigen vier Kästen abernten. Doch er hat sich einstweilen dagegen entschieden. «Die Blütezeit vieler Pflanzen ist vorbei. Wenn ich jetzt den ganzen Honig ernte, haben sie nichts mehr zu fressen», sagt Worku. Erst wenn wieder genügend Pflanzen blühen und die Bienen neue Vorräte anlegen können, will er erneut ernten. Normalerweise könne er zweimal im Jahr Honig gewinnen, sagt er, im März und im Juni.
In der Schulung von Menschen für Menschen hat Worku gelernt, seine Bienenvölker zu beobachten und abzuwägen: Wie viel Honig kann er ihnen nehmen? Wie viel brauchen sie selbst? Und wann ist der richtige Zeitpunkt für die Ernte?
Dabei könnte die Familie das Geld jetzt dringend gebrauchen. Das Dach müsste erneuert, die Wände müssten geschlossen werden. Ein Bett wäre ein Fortschritt. Später möchte Worku auch ein Schaf oder eine Ziege kaufen. Doch zuerst kommt etwas anderes. «Zunächst geht mein Verdienst in eine bessere Ernährung für unsere Kinder», sagt er.
An dem Tag, an dem er seinen ersten Honig aus den neuen Kästen verkauft, wird er seiner Familie einen kleinen Luxus gönnen: «Dann kaufe ich bestimmt auch ein wenig Fleisch.» Es wird ein seltenes Festessen.