Zürich/Raphe, 27. März 2026 – Der Krieg im Nahen Osten beeinflusst die Ölpreise weltweit. Die Versorgungslage in Afrika wird kritisch. Gerade in Äthiopien, das von Importen abhängig ist, zeigt sich das dramatisch. An vielen Tankstellen im Land bilden sich kilometerlange Schlangen, vielerorts bleibt der Verkauf ganz aus. Besonders hart trifft die Treibstoffknappheit die ärmsten Menschen.
Im Distrikt Raphe in Südäthiopien sitzen Kinder am Strassenrand. Auf kleinen Tischen vor ihnen stehen Wasserflaschen, gefüllt mit einer gelblichen Flüssigkeit: Die Kinder verkaufen Benzin an Motorradfahrer. Ihre Motorräder haben zwar nur einen kleinen Hubraum, sichern aber den Nahverkehr und den Transport landwirtschaftlicher Produkte. Die Fahrzeuge sind oft die einzige Verbindung zwischen abgelegenen Weilern und den Märkten.
Bislang kostete ein Liter Benzin an offiziellen Tankstellen rund 130 Birr (0.66 Franken). Auf dem Schwarzmarkt lag der Preis bei etwa 200 Birr. In den vergangenen Tagen ist er laut lokalen Beobachtungen auf 350 Birr (1.77 Franken) gestiegen – ein Anstieg um rund 75 Prozent. Zum Vergleich: Der Tagelohn eines Hilfsarbeiters in Raphe liegt derzeit bei rund 300 Birr (1.52 Franken).
«Die Motorradfahrer müssen die Spritpreise an die Kunden weitergeben», sagt Getachew Zewdu, Landesrepräsentant von Menschen für Menschen. Die Schweizer Stiftung führt im Distrikt Raphe seit 2025 ein grosses Entwicklungsprojekt durch. Neun von zehn Familien haben nicht das ganze Jahr über genug zu essen. Sie reduzieren ihre Portionen und lassen Mahlzeiten aus. Eine von Menschen für Menschen in Auftrag gegebene Baseline-Studie zeigte, dass die Monate Mai bis September besonders kritisch sind. In dieser Zeit kämpfen die meisten Familien mit Nahrungsmangel. Steigende Transportkosten erhöhen die Preise für Grundnahrungsmittel und Waren des täglichen Bedarfs nun zusätzlich. Damit werden die Essensrationen der Menschen noch kleiner.
Treibstoff grösster Importposten
Äthiopien ist ein Binnenstaat. Diesel und Benzin gelangen fast vollständig über den Hafen von Dschibuti ins Land. Treibstoff ist der grösste Importposten des Landes und macht rund ein Viertel der gesamten Importausgaben aus – mit geschätzten 4,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Angesichts der Lage rief Premierminister Abiy Ahmed die Bevölkerung zum sparsamen Umgang mit Treibstoff auf. Zugleich kündigten die Behörden an, die vorhandenen Mengen vorrangig für systemrelevante Bereiche bereitzustellen. Für andere Nutzer kommt es zu erheblichen Einschränkungen.
Auch die Projektarbeit von Menschen für Menschen ist betroffen. In der Stadt Dilla sowie in der etwa drei Stunden entfernten Regionalhauptstadt Hawassa warten Busse, Sammeltaxis und Lastwagen in langen Schlangen auf Diesel. «An manchen Tankstellen stehen die Fahrzeuge kilometerweit», sagt Getachew Zewdu. Die Organisation erhält Treibstoff in den abgelegenen Projektregionen derzeit nur mit Sondergenehmigung und oft erst nach tagelangen Wartezeiten. «Die Behörden konzentrieren den Verkauf auf wenige Tankstellen, um die Vorräte zu strecken und lebenswichtige Dienste wie Krankenwagen, Polizei und Lebensmitteltransporte zu sichern.»
Die Folgen sind im Projektgebiet unmittelbar spürbar. In Raphe hat ein Grossteil der Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. «Wir wollen in diesem Jahr sechs Quellfassungen bauen, jede wird mindestens 100 Familien versorgen», sagt Getachew Zewdu. «Doch die beauftragten Bauunternehmen können derzeit weder Zement noch Sand liefern.» Die Menschen sind weiter auf unsichere Wasserquellen angewiesen, mit entsprechenden gesundheitlichen Risiken – besonders für Kinder.
Leidtragende sind die Ärmsten
Auch landwirtschaftliche Massnahmen geraten ins Stocken. «Wir wollten in diesen Tagen über 60'000 Ensete-Setzlinge an 200 Familien ausgeben», sagt Zewdu. «Doch ohne Transport müssen die Familien die Pflanzen über mehrere Kilometer selbst tragen.» In dem bergigen Gebiet bedeutet das eine enorme körperliche Belastung, vor allem für Frauen. Weitere Projektbausteine, etwa die Verteilung von Schafen auf Basis fairer Mikrokredite, sind ohne Transport derzeit nicht umsetzbar.
Hinzu kommt ein weiteres schwerwiegendes Problem: «Unsere Agrarberater erreichen die weit verstreuten Höfe normalerweise mit kleinen Motorrädern», sagt Zewdu. «Wenn sie zu Fuss gehen müssen, können sie nur noch einen Bruchteil der Familien betreuen.» Auch Bargeld für Beschaffungen zur Projektarbeit wird zur knappen Ressource: Die nächste Bank liegt in Dilla, etwa eineinhalb Autostunden entfernt.
«Die Leidtragenden sind die ärmsten Familien», sagt Getachew Zewdu. «Unsere Unterstützung verzögert sich, und gleichzeitig verschärft sich ihre Lage unmittelbar. Ohne Transport können sie ihre Produkte nicht mehr verkaufen, während die Preise für zugekaufte Waren steigen. Das bedeutet noch mehr Mangel und Hunger.»
Über die Stiftung Menschen für Menschen
Menschen für Menschen setzt sich gegen Armut und Hunger ein. Die Stiftung wurde von dem Schauspieler Karlheinz Böhm (1928 – 2014) gegründet. Im Geiste des Gründers schafft das Schweizer Hilfswerk Lebensperspektiven für die ärmsten Familien in Äthiopien. Ziel der Arbeit ist es, dass sie in ihrer Heimat menschenwürdig leben können. Schwerpunkte der einzelnen Projekte sind Frauenförderung, Berufsbildung, Mikrokredite, Kinderhilfe, Familienplanung und landwirtschaftliche Entwicklung. Die Komponenten werden nach den lokalen Bedürfnissen kombiniert und mit sorgfältig ausgewählten einheimischen Partnern umgesetzt.
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