Die Tage ohne Plage
Die Monatsblutung zwingt viele Mädchen, dem Unterricht fernzubleiben. Sie verlieren den Anschluss und oft geben sie die Schule auf. In Hambela Wamena gelten neue Regeln für die Regel: Monatsbinden und Aufklärung halten sie im Klassenzimmer.
DIE KINDER SITZEN DICHT GEDRÄNGT. Niemand flüstert, niemand kichert. Vorne steht Derartu Bejene, 14. In ihrer Hand ein Blatt Papier. Sie hebt den Blick. Dann trägt sie ihr selbstverfasstes Gedicht vor. «Lasst uns aufstehen und stark sein in unserem Lernen. Die Schule hilft uns, gegen die Armut zu kämpfen!»
Ihre Stimme ist ruhig, getragen. Die Klasse hört andächtig zu. Verse zu schmieden und zu rezitieren ist hoch angesehen. Gedichte haben Gewicht in Äthiopien.
Die junge Dichterin liefert eine Anleitung zu einem besseren Leben. Bildung öffnet den Blick, hilft Probleme zu lösen. Wer lernt, kann seine Zukunft selbst gestalten: Das ist der Inhalt der Verse, die sie mit viel Gefühl vorträgt. Sie senkt das Blatt, ein Moment der Stille. Dann klatscht das Publikum.
Noch vor einem Jahr war Derartu schüchtern. Sie sprach kaum im Unterricht und vermied es, sich zu melden. «Ich hatte Angst, vor anderen zu sprechen», gibt sie zu. Dann fragte ihre Lehrerin, ob sie Lust habe, im Girls Club mitzumachen.
Iftu Merga unterrichtet Mathematik an der Primarschule der Gemeinde Dimtu Hambela. Den Girls Club, der von Menschen für Menschen unterstützt wird, betreut sie ehrenamtlich. 36 Schülerinnen hat die Lehrerin dort versammelt. Die Mitglieder sprechen über Hygiene, frühe Heirat und Gleichstellung. Danach tragen sie dieses Wissen in ihre Klassen, in ihre Familien und in die Nachbarschaft in ihren Dörfern. Sie erklären, warum jede Familie ein Plumpsklo graben sollte, warum Geburtenabstände wichtig sind – und weshalb Mädchen während der Menstruation nicht zu Hause bleiben müssen.
Denn der traditionelle Umgang mit der Monatsblutung gefährdet die Zukunft der Mädchen. Derartu und vier weitere Mädchen sitzen mit ihrer Lehrerin im Kreis auf der Schulwiese und sprechen mit dem NAGAYA MAGAZIN über ein Thema, über das lange niemand sprechen wollte. «Früher blieben wir während der Menstruation zu Hause», sagt Kejeltu Geltu, 17. «Ich habe mich geschämt», sagt Gemechiftu Tilye, 14.
Im ländlichen Äthiopien sind viele Familien so arm, dass sich die Mädchen und Frauen keine Monatsbinden oder Tampons leisten können. Oft kennen sie diese Produkte gar nicht, weil sie in den entlegenen Dörfern nicht angeboten werden. Und wenn sie in einem der kleinen Läden doch vorrätig sein sollten, würden sich die Mädchen gar nicht trauen, sie bei einem männlichen Verkäufer zu kaufen. Alles, was mit reproduktiver Gesundheit und Sexualität zu tun hat, ist schambehaftet.
Traditionell behelfen sich die Frauen mit Stofflappen. Für viele Teenager ist das keine Lösung, mit der sie sich in der Schule wohlfühlen. Deshalb bleiben viele Mädchen während ihrer Tage zu Hause. Mit schwerwiegenden Folgen: «Durch die Fehlzeiten kamen wir immer wieder in Rückstand gegenüber den Knaben in der Klasse», erinnert sich Kejeltu Geltu, 17.
Diese Lernlücken gefährden den Bildungserfolg der Mädchen. Viele kommen nach ihren Tagen nicht mehr regelmässig an die Schule zurück, brechen irgendwann ganz ab. Sie geben ihre Träume auf – und ihren Widerstand gegen traditionelle Werte: Viele Eltern halten die Ausbildung von Töchtern für wenig sinnvoll. Sie würden ohnehin früh verheiratet, so die weithin vorherrschende Überzeugung.
An der Primarschule von Dimtu Hambela zeigt sich die Schieflage in den Zahlen: Es gibt 322 Knaben an der Schule, aber nur 208 Mädchen. Wer nicht mehr zur Schule geht, gilt als heiratsfähig. Bald kommen junge Männer ins Haus und bitten die Eltern um die Hand ihrer Tochter. So setzt sich fort, was Bildung eigentlich durchbrechen könnte: Die Armut wird in die nächste Generation weitergetragen.
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«Ich möchte Krankenschwester werden. Aber ich habe nicht viel Zeit zu lernen. Wir Mädchen müssen unseren Müttern helfen: Wasser holen, das Haus sauber machen, Feuerholz sammeln, kochen. Mein Bruder dagegen kann in Ruhe seine Hausaufgaben machen. Wenn ich mich beschwere, sagen meine Eltern zu meinem Bruder, dass er mir helfen soll. Aber wenn er sich weigert, muss ich die Arbeit trotzdem allein machen. Das ist ungerecht.»
Deshalb fördert Menschen für Menschen die Girls Clubs. Sozialarbeiterinnen arbeiten mit ausgewählten Lehrerinnen daran, das Selbstbewusstsein der Mädchen zu fördern und das Stigma zu brechen. «Ihr braucht euch nicht zu verstecken, wenn ihr die Tage habt!», lautet die Botschaft. Seit Februar 2025 stellt Menschen für Menschen an 21 Primarschulen des Distrikts Hambela Wamena Monatsbinden bereit. 1643 Mädchen holen sich ihre Packungen regelmässig bei Vertrauenslehrerinnen ab.
Wie notwendig das Programm ist, zeigten die Anfänge. «Als wir erstmals Binden verteilen wollten, reagierten viele Mädchen zögerlich», berichtet Iftu Merga. «Es war ihnen peinlich, damit in Verbindung gebracht zu werden.» Manche Mädchen baten sogar darum, ihre Namen wieder von den Listen zu streichen.
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«Ich möchte Ärztin werden. Im Girls Club haben wir viel über Krankheiten gelernt. Früher hatten wir oft Durchfall. Seit wir unser Haus sauber halten, hat sich viel verändert. Wenn wir früher mussten, gingen wir ins Gebüsch oder in den Wald. Aber nun hat mein Vater eine Latrine errichtet. Wir waschen unsere Hände vor dem Essen, benutzen auch Seife. Alle im Girls Club bringen das ihren Familien bei.»
Denn bei den Eltern stiess die Idee auf Misstrauen. Warum wird etwas kostenlos verteilt, das sonst Geld kostet? Einige Eltern vermuteten verborgene Absichten. Andere fürchteten gesundheitliche Nebenwirkungen. Hinzu kommt eine tiefere Sorge: Veränderungen könnten vertraute Regeln ins Wanken bringen. Wenn Mädchen offener über ihren Körper sprechen, selbstbewusster auftreten und sich freier bewegen, verschiebt sich die gewohnte Ordnung. Diese Aussicht macht manchen Eltern, von denen viele nie in einer Schule waren, Angst.
Der Wandel kommt nicht über Nacht. Aber steter Tropfen höhlt den Stein, sagt Azenegash Wondemu, 47, Mädchen- und Frauenbeauftragte im Menschen für Menschen-Projekt: «Reproduktive Gesundheit und Gleichstellung sind fester Bestandteil unserer Schulungen, ob bei Treffen von Frauen-Spargruppen, in der Landwirtschaftsberatung von Männern oder bei Gemeindeversammlungen.»
Die Mädchen aus dem Girls Club arbeiten aktiv an diesem Wandel mit. In der grossen Pause strömen die Klassen auf die Schulwiese. Kejeltu Geltu hält ein Mikrofon in der Hand. Ihre Stimme hallt über den Platz. Sie spricht ruhig, mit grosser Selbstverständlichkeit: Kein Mädchen müsse sich für seine Menstruation schämen. Monatsbinden schadeten nicht. Sie machten es möglich, zu lernen und am Alltag teilzunehmen. «Wir verpassen nichts mehr», sagt sie. «Wir bleiben im Unterricht.» Die Kinder und Jugendlichen hören ihr teils mit offenen Mündern zu: Kejeltu ist ein Vorbild. Eine Schülerin wie sie spricht mutig vor der gesamten Schülerschaft und allen Lehrern!
«Ich habe im Girls Club mehr Selbstvertrauen gewonnen», sagt Kejeltu. «Ich habe gelernt, frei über unsere Bedürfnisse zu sprechen.» Dabei geht es um ein grösseres Ziel: «Wir wollen die Schule abschliessen und danach eine Ausbildung machen», betont sie. «Nur so können wir unser Leben selbst bestimmen.»
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«Unsere Schule ist in schlechtem Zustand. In den Wänden sind Löcher. Der Wind weht Staub herein. Wir brauchen bessere Gebäude. Ich möchte Journalistin werden. Ich will zeigen, welche Schwierigkeiten die Menschen auf dem Land haben. Besonders wir Mädchen und Frauen.»
Im Girls Club haben sie verstanden, dass sie sich selbst helfen können. Iftu Merga berichtet, dass Mädchen zu ihr kämen mit ihren Sorgen und Geheimnissen. «Einige sagten, sie könnten die Binden nicht nutzen», berichtet die Lehrerin: «Weil ihre Eltern kein Geld hätten, um ihnen Unterhosen zu kaufen.» Im Girls Club suchten sie gemeinsam nach einer Lösung. Bei ihren Treffen fertigen sie jetzt Handarbeiten an und verkaufen sie in der Gemeinde. «Das Geld ist für solche Notfälle gedacht.»