«Bis jetzt hatte ich nie eine Wahl»
Hanna Addisu, 28, lebt mit ihrer Familie zur Untermiete. Nur ein Vorhang trennt sie vom Hausbesitzer, einem bettlägerigen alten Mann. Ihre Tochter Makrina hatte Gelbsucht und war unterernährt. Doch jetzt hofft Hanna auf eine Lebenswende.
Ich bin 28 Jahre alte, verheiratet und habe zwei Kinder. Mein Mann arbeitet als Beifahrer in einem Überlandbus. Mein Sohn Henok ist fünf Jahre und geht in den Kindergarten. Meine Tochter Makrina ist neun Monate alt.
Wir wohnen zur Untermiete. Der Hausbesitzer lebt mit uns unter einem Dach. Er ist bettlägerig. Zwischen seinem Bett und unserem kleinen Zimmer hängt nur ein Vorhang. Privatsphäre gibt es nicht. Wenn wir essen, lade ich ihn ein, mit uns zu essen. Das gehört sich so bei uns. Aber natürlich hört der Besitzer auch alles andere. Im Grunde hört er unser ganzes Leben mit.
Für diesen Raum zahlen wir 4000 Birr Miete im Monat (umgerechnet etwa 20 Franken). Als wir einzogen, waren es noch 3000 Birr. Nach einem Monat sagte der Vermieter: «4000 Birr, akzeptiert es oder zieht aus!» Wir hatten keine Wahl. Es ist schwer, eine Unterkunft zu finden.
Unser Leben war nie leicht, aber früher kamen wir viel besser zurecht. Ich verkaufe kleine Waren auf der Strasse. In meinem Bauchladen habe ich Taschentücher und Kaugummi. An einem guten Tag verdiene ich 400 Birr. Manchmal flechte ich in der Nachbarschaft Mädchen und Frauen die Haare gegen Geld.
Dann wurde ich mit meiner Tochter Makrina schwanger. Die Leute fragen mich manchmal, warum wir in unseren schwierigen Umständen noch ein Kind bekommen haben. Dann sage ich: Nicht alles im Leben liegt in unserer Hand. Die Schwangerschaft war nicht geplant. Ich glaube, dass Gott es so gewollt hat.
Und ich dachte, wir würden das gut schaffen.
Leider sind seither die Preise explodiert. Innerhalb von anderthalb Jahren ist alles viel teurer geworden, teils um das Doppelte. Eine Windel kostete 12 Birr, heute 25 Birr. Fünf Liter Speiseöl kosteten 900 Birr, heute 2000 Birr. Ein Liter Milch kostete 50 Birr, heute 85 Birr. Mein Mann und ich arbeiten beide und trotzdem können wir kaum überleben.
Hinzu kommt, dass ich nach der Geburt von Makrina krank wurde. Ich habe Diabetes, nach der Entbindung gab es Komplikationen. Ich musste ins Krankenhaus. Meine Tochter war ebenfalls krank. Sie hatte starke Gelbsucht und lag in einem Wärmeraum.
Drei Monate lang konnte ich sie nicht stillen. Nachbarn sammelten Geld für Milchpulver, damit wir sie ernähren konnten. Trotzdem magerte sie immer mehr ab.
Deshalb ist das Ernährungsprogramm von Menschen für Menschen für uns so wichtig. Jetzt erhalten wir regelmässig Speiseöl und ein nahrhaftes Mehl. Ohne diese Unterstützung wäre unser Leben einfach schlimm.
Trotz allem habe ich Hoffnung. Ich habe die Schule bis zur 10. Klasse besucht, ich habe gute Voraussetzungen für eine Ausbildung. Menschen für Menschen bietet Berufsausbildungen an, zum Beispiel als Köchin, im Hotelservice oder in Kinderbetreuung. Ich möchte unbedingt an einer solchen Ausbildung teilnehmen und warte auf die nächste Bewerbungsrunde. Ich hoffe, dass ich einen Platz bekomme. Die Ausbildung richtet sich an Frauen wie mich, die in grosser Armut leben und ihr Leben verändern wollen. Beides trifft auf mich zu.