Vor einem Jahr berichteten Wude und Sisay von Tagen, an denen selbst ihre Kinder nichts zu essen hatten. Heute backen sie jeden Morgen Hunderte Krapfen und verdienen damit ein Vielfaches eines Tagelöhnerlohns. Doch anstatt ihre Wohnung zu verbessern, investieren sie weiter.
Das alte Nokia-Handy vibriert. Es ist stockdunkel, zweieinhalb Stunden vor Sonnenaufgang. Schlaftrunken erheben sich Sisay Beraso und seine Frau Wude von den Strohmatratzen. Sie sind leise, um die beiden Kinder nicht zu wecken. Sisay entzündet trockene Pflanzenstängel, die Flämmchen erleuchten die Hütte spärlich. Die Wände bestehen aus Holzstangen, darauf ist Lehm geworfen, der rissig geworden ist. Das Dach: ein Holzgerüst unter einer Plastikplane. Das Gerüst ist schwarz von Russ.
Seit unserem letzten Besuch vor einem Jahr hat sich im Haus wenig verändert. Wude sagte damals auf die Frage, was ihr grösstes Problem sei: «Wir haben überhaupt kein Geld. Das hindert uns an allem.» Weil sämtliches Einkommen in Lebensmittel floss, konnte die Familie nicht in ihre Zukunft investieren.
Doch ein Gegenstand im Haus ist neu: eine grosse, blecherne Pfanne. Sisay stellt sie auf das Feuer. Als das Öl darin brodelt, lässt Wude Ringe aus Teig hineingleiten. Unter Zischen und Spratzeln blähen sich die bleichen Ringe auf und färben sich goldbraun: knusprige Bombolinis. Durch die Ritzen und Löcher in den Lehmwänden zieht der Duft der Hefeteig-Krapfen hinaus ins Dorf Halemo im südäthiopischen Bezirk Raphe.
Das Haus hat sich nicht verändert, aber das Auftreten der jungen Eheleute. Sie wirken nicht mehr unsicher und zögerlich wie vor einem Jahr, sondern selbstsicher und zuversichtlich.
Wude und Sisay lernten sich in der örtlichen Kirche kennen, dem religiösen und gesellschaftlichen Treffpunkt des Dorfes. «Als ich sie zum ersten Mal sah, habe ich mich sofort verliebt», erzählt Sisay. «Ich habe meine Entscheidung, sie zu heiraten, nie bereut.» Auch nicht in den Tagen der Not? «Nein, an keinem Tag.» Wude nickt. «So ist es auch bei mir.»
Jetzt stehen sie gemeinsam am Feuer. Mit routinierter Hand backen sie Bombolino um Bombolino. An einem gewöhnlichen Morgen produzieren sie bis zu 500 Stück. Um sieben Uhr, die Sonne ist vor einer halben Stunde aufgegangen, sind sie fertig.
Sisay liefert die Bombolinis an Strassenimbisse und Teestuben im Dorf und in der nahen Kleinstadt Raphe, das Stück für umgerechnet fünf Rappen. Nach Abzug der Kosten für Feuerholz, Weizenmehl und Speiseöl bleiben dem Paar umgerechnet rund viereinhalb Franken Gewinn am Tag. Das ist vier- bis fünfmal so viel, wie ein Arbeiter in der Landwirtschaft verdient.
Möglich wurde der Start durch Wudes Mitgliedschaft in der neuen Spar- und Kreditgruppe, die Menschen für Menschen in Halemo initiiert hat. Die Frauen lernen dort, wie sie ein kleines Geschäft aufbauen und führen können. Sie sparen gemeinsam und erhalten Zugang zu Mikrokrediten. Wudes erster Kredit betrug umgerechnet 40 Franken. Davon kauften sie und Sisay die Pfanne, eine erste Menge Mehl und Öl.
Über die Wochen und Monate vergrösserte das Paar das Backgewerbe. Und statt den Gewinn auszugeben, investierten Wude und Sisay ihn weiter. Für umgerechnet rund 140 Franken kauften sie drei Schafe. Zwei Muttertiere haben inzwischen Junge bekommen. Weitere rund 115 Franken investierten sie in Rohkaffee. Etwa 80 Kilogramm lagern in einem Sack in ihrer Hütte. Sie wollen verkaufen, wenn der Preis stimmt. «Wenn ihr etwas später gekommen wärt, hätte ich schon einen Ochsen gekauft», sagt Sisay. Er will das Tier mästen und später mit Gewinn verkaufen.
Von dem wirtschaftlichen Erfolg sieht man in der Hütte nichts. Noch immer schlafen Wude und Sisay auf Stroh. Noch immer schützt nur eine Plastikplane das Haus vor dem Regen. Warum stecken sie ihr Geld in Schafe, Kaffee und einen Ochsen, statt endlich ihr Haus zu verbessern? «Wir können nicht alles auf einmal machen», sagt Sisay. «Das Haus kommt Schritt für Schritt.»
Ein paar Kanthölzer haben sie aber bereits gekauft. Sie liegen in der Hütte bereit. «Das wird der Rahmen für die neue Tür.»