Erst ausgelacht, dann beneidet: In Südäthiopien leben Paare vor, wie man im Haushalt die Aufgaben teilt. Dabei zeigt sich: Gleichstellung bringt wirtschaftliche Chancen – und mehr Zuneigung.
«Die Leute fragen sich: Bist du eine Frau geworden?», sagt Kipe Tadesse und lächelt. «Nicht nur Männer, auch Frauen stellen mir diese Frage.»
Er kneift die Augen zusammen, der Rauch der Feuerstelle lässt sie tränen. Aus einer Kanne schüttet er den flüssigen Teig in Spiralen auf die Pfanne. Es zischt und dampft. Zwei Minuten später nimmt Kipe die ausgebackene Injera aus der Pfanne, das weiche Fladenbrot Äthiopiens.
Kipes Feuerstelle liegt vor seinem kleinen Haus direkt an der Strasse. Passanten blicken verwundert, manche spöttisch. «Wenn sie über mich lachen, lache ich mit», sagt Kipe. «Ich weiss, mit der Zeit werden sie nicht mehr lachen.»
Der Bezirk Raphe in Südäthiopien: Die Menschen leben von ihrer kleinen Landwirtschaft. Aber die Flächen reichen nicht mehr, weil die Familien wachsen. In fast allen kommt es zu Nahrungsmangel. Deshalb sind viele Kinder zu klein für ihr Alter. Verschmutztes Wasser gefährdet sie zusätzlich.
Doch die Armut hat noch einen weiteren Grund: die tief verwurzelte Rollenverteilung. Die Männer arbeiten auf dem Feld. Für Kinder und Haushalt sind die Frauen allein zuständig. Wasser schleppen, Holz sammeln, Feuer machen, kochen, putzen, waschen, ohne Strom, alles von Hand: eine unablässige Schufterei von früh am Morgen bis spät in der Nacht. Ihr schöpferisches und wirtschaftliches Potenzial können die Frauen nicht entwickeln.
Auch die Familie von Kipe und seiner Frau Tigist war keine Ausnahme. Dreckige Schuhe, verstaubte Hosen? «Das Säubern ist die Pflicht der Frauen, dachte ich», gesteht Kipe. «Wenn ein Kind weinte, sagte ich zu Tigist: Kümmere dich!»
Seine Frau war überfordert. «Wenn er mir Anweisungen gab, wurde ich wütend. Ständig gab es Streit, es war ein Gegeneinander», sagt Tigist. «Ich bin Menschen für Menschen so dankbar, dass wir nun anders zusammenleben.»
Das Paar sitzt auf einer Holzbank in ihrem kleinen Lehmhaus. Kipe hält die sieben Monate alte Tochter Rohobot auf dem Schoss. An der Wand kleben Zettel mit Bibelsprüchen und eine Art Stundenplan: «Wir schreiben jetzt genau auf, wie wir uns die täglichen Aufgaben teilen», erklärt Kipe.
Die Familie nimmt an einer neuen Initiative von Menschen für Menschen teil. «Wir zeigen Familien, wie sie Hausarbeit gerechter aufteilen und Entscheidungen gemeinsam treffen», erklärt Gleichstellungsbeauftragte Zemariam Bekele. «So gewinnen Mädchen und Frauen Zeit für Bildung oder um ein eigenes Einkommen zu erzielen.»
Rund 90 Familien nahmen an den Schulungen teil. 30 mutige Paare entschieden sich anschliessend, sich in ihren Dörfern zu exponieren und den neuen Weg gegen die vorherrschende Meinung konsequent zu gehen: Als Vorbildfamilien sollen sie nun andere Paare überzeugen.
«Wir Männer haben nie darüber nachgedacht, was wir unseren Frauen aufbürden. Nun bedauere ich das. Jetzt verstehe ich, dass wir nur gemeinsam vorankommen», sagt Kipe. Die Arbeitsteilung bringe viele Vorteile. «Früher war Tigist die ganze Zeit beschäftigt und überlastet. Jetzt können wir das Mittagessen rechtzeitig und in Ruhe einnehmen.» Es gebe auch wirtschaftliche Vorteile: «Tigist konnte einen Nebenjob als Köchin an der Grundschule annehmen, weil ich auf die Kinder aufpasse.»
Irgendwann während des Gesprächs kommt Simon, der Dreijährige, vom Spielen auf der Strasse nach Hause. Er lehnt sich wortlos an seinen Vater. Kipe streicht ihm über den Kopf, gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. «Ich bin meinen Kindern heute viel näher», sagt er. «Es gibt mehr Friede und Liebe zwischen uns», ergänzt Tigist. «Wir streiten kaum noch.»
Hinter dem Haus haben sie ein kleines Feld mit Kaffeesträuchern, dazwischen pflanzen sie Bohnen. «Natürlich helfe ich ihm dort, etwa beim Säen und Unkraut jäten», sagt Tigist. «Früher dachte ich, das sei Männerarbeit.»
Kipe tastete sich Schritt für Schritt vor. Zuerst kochte er nur Kaffee. Dann begann er, Fladenbrot zu backen. Schliesslich sprach er auch im Kreis der jungen Paare in der Kirchengemeinde von seinem Wandel. «Ich war einer von denen, die den Kopf über ihn schüttelten und lachten», sagt Melkamu Ayele, 30. «Aber nach einiger Zeit wurde ich neidisch.»
Melkamu ist ein Nachbar und einer der besten Freunde von Kipe. Auf Besuch sah er, wie Kipe und Tigist miteinander umgingen. «Anders als früher. Sie respektierten einander, die Liebe zwischen ihnen war zu fühlen», erzählt Melkamu. «Als ich nach Hause kam, sah ich, wie meine Frau alle Hände voll zu tun hatte. Ich begann zu fegen – nachdem ich die Haustür geschlossen hatte.» Am nächsten Tag spülte er die Kaffeetassen. Dann ging er zu seinem Freund Kipe und sagte: «Erzähl mir alles, wie ihr es macht.»
Heute teilen auch Melkamu und seine Frau Nebret die Arbeit im Haushalt. Die gewonnene Zeit nutzt sie, um eigenes Geld zu verdienen. Mit einem Mikrokredit der von Menschen für Menschen initiierten Spar- und Kreditgruppe handelt sie mit Bohnen.
Auch Kipes Frau ist in der Spargruppe. Mit einem Mikrodarlehen bietet Tigist Injera im Strassenverkauf an. Gemeinsam schmiedet das Paar weitere Pläne. «Wir möchten in grösseren Mengen backen und Injera für Hochzeiten anbieten», sagt Tigist. Später möchten sie auch mit Kaffee handeln. «Wir wollen unseren Kindern ein besseres Leben ermöglichen. Sie sollen aufs Gymnasium gehen», sagt Kipe.
Und soll die Familie noch wachsen? «Vielleicht noch ein Kind», überlegt Kipe. «Ich bin anderer Meinung», sagt Tigist bestimmt. «Unser Leben muss sich verbessern. Also sollten wir nicht über ein weiteres Kind nachdenken.»
WARUM WIR HELFEN
Raphe ist ein besonders armer Bezirk im Süden Äthiopiens. Die meisten Familien besitzen nur winzige Felder. Neun von zehn Familien haben nicht das ganze Jahr über genug zu essen. Die Kinder sind chronisch unterernährt. Hinzu kommt die traditionelle Benachteiligung der Frauen. Sie tragen die gesamte Last von Haushalt und Kinderbetreuung. Dadurch fehlt ihnen die Zeit, ihre Talente und Fähigkeiten zu entwickeln und eigenes Geld zu verdienen.
WAS WIR TUN
Menschen für Menschen unterstützt Kleinbauernfamilien dabei, mehr Lebensmittel zu erzeugen und ihr Einkommen zu steigern. Unsere Agronomen zeigen ihnen, wie sie Gemüse für den Markt anbauen oder mit Kleinviehhaltung und Kleinhandel Geld verdienen können. In genossenschaftlichen Selbsthilfegruppen sparen die Familien gemeinsam und erhalten Zugang zu Mikrokrediten. Ein Schwerpunkt liegt auf der Gleichstellung von Frauen und Männern. In Schulungen lernen Paare, Hausarbeit und Verantwortung gerechter zu teilen, finanzielle Entscheidungen gemeinsam zu treffen und ihre Zeit besser zu planen. Familien, die diesen Weg gehen, werden zu Vorbildfamilien. Nachbarn sehen, dass sich ihr Leben verbessert, und folgen ihrem Beispiel. Auch Familienplanung gehört dazu. Ehrenamtliche Beraterinnen und Berater informieren über die Möglichkeiten. Gleichzeitig stellt Menschen für Menschen den Gesundheitsstationen Verhütungsmittel zur Verfügung. So können Paare selbst entscheiden, wie viele Kinder sie bekommen möchten.
WAS WIR ERREICHEN
Unser Ziel ist, dass sich 3600 besonders arme Familien dauerhaft aus Hunger und Armut befreien. Sie sollen genügend Nahrungsmittel produzieren, ein verlässliches Einkommen erwirtschaften und ihren Kindern eine gute Zukunft in ihren Heimatdörfern ermöglichen.