«Er hat mich im Stich gelassen»
Als Haddse Nigusse mit Zwillingen schwanger wurde, verschwand der Vater der Kinder spurlos. Heute lebt die 22-Jährige von Almosen. Doch sie hofft auf eine Berufsausbildung.
Ich komme aus einer Bauernfamilie in Tigray. Mit 16 Jahren zog ich nach Addis Abeba. Ich wohnte mit anderen jungen Frauen zusammen und arbeitete in einer Fabrik, in der Kaffeebohnen gereinigt und sortiert werden.
Über Bekannte aus meiner Heimat lernte ich Abuye kennen. Er kam aus derselben Gegend wie ich. Wir verliebten uns und zogen zusammen.
Er wollte ein Kind. Er war es, der darauf drängte. Ich vertraute ihm.
Ich war im achten Monat schwanger mit Zwillingen. Als ich nach Hause kam, lagen meine Kleider verstreut auf dem Boden. Zuerst dachte ich, ein Dieb sei eingebrochen. Dann sah ich, dass alle Sachen meines Freundes verschwunden waren. Seine Kleidung. Seine Schuhe. Alles.
Nur meine Sachen waren noch da.
Ich fragte die Nachbarn und suchte im Viertel. Niemand wusste etwas. Sein Telefon nahm er nicht ab.
Nach drei Tagen begann ich zu begreifen, dass er nicht zurückkommen würde. Mit jedem Tag wurde ich wütender. Ich fragte mich, wie ich allein mit zwei Kindern überleben sollte.
Ich rief meine Schwester Selam an. Sie war erst 17 Jahre alt. Sofort sagte sie: «Ich komme und helfe dir.»
Heute wohnen wir zusammen in einem winzigen gemieteten Zimmer. Meine Schwester arbeitet in derselben Fabrik, in der ich früher gearbeitet habe. Sie verdient etwa 8000 Birr im Monat (umgerechnet etwa 40 Franken). Doch allein die Miete verschlingt 6000 Birr.
Windeln kosten rund 600 Birr pro Packung. Deshalb benutze ich oft nur zwei Stück am Tag. Wenn ich betteln gehe, ziehe ich den Kindern frische Windeln an. Danach behelfe ich mich mit Baumwollstoff.
Ich bettle vor Kirchen. An einem gewöhnlichen Tag bekomme ich zwischen 250 und 300 Birr.
Obwohl meine Kinder Zwillinge sind, könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Meine Tochter Yamariam ist sehr anhänglich. Sie möchte fast immer bei mir sein, auf meinem Schoss oder auf meinem Rücken. Mein Sohn Yabsira dagegen ist mutiger. Er lacht Fremde an und hat vor niemandem Angst.
Auch beim Essen sind sie verschieden. Yabsira hat immer Appetit. Yamariam ist viel zurückhaltender. Deshalb passe ich auf, dass ihr Bruder nicht die ganze Milch austrinkt.
Warum ihr Vater uns verlassen hat, weiss nur er selbst. Vielleicht bekam er Angst vor den Kosten. Er war immer sehr geizig. Für seine Freunde und fürs Trinken schien er dagegen Geld zu haben.
Eigentlich denke ich kaum noch an ihn. Manchmal erzählen Bekannte, sie hätten ihn irgendwo in der Stadt gesehen. Dann höre ich schweigend zu, aber ich frage nicht nach.
Meine Gedanken gehören der Zukunft. Betteln kann ich nicht für immer. Heute geben mir die Menschen etwas Geld, weil sie die Zwillinge sehen. Aber die Kinder werden grösser. Was passiert dann?
Deshalb bedeutet mir die Unterstützung von Menschen für Menschen so viel. Das Ernährungsprogramm hilft uns beim Überleben. Und jetzt habe ich die Aussicht auf eine Ausbildung als Köchin für äthiopische und internationale Küche. Darauf setze ich meine Hoffnung.