Zürich/ Raphe, 3. November 2026 – Bislang verdient Worku Alemu mit der Reparatur von Regenschirmen höchstens 25 Rappen am Tag. Nun hat der äthiopische Kleinbauer eine viel bessere Einnahmequelle: Aus einem einzigen Bienenkasten holte er bei der ersten Ernte rund 20 Kilogramm Honig.
Plötzlich prasselt der Regen auf das Dach: ein nachmittäglicher Wolkenbruch. Kurz darauf tropft Wasser von der Decke. Worku Alemu greift nach einem Regenschirm und spannt ihn über dem Besucher aus der Schweiz auf, damit die Tinte in seinem Notizbuch nicht verschwimmt.
Mit Regenschirmen kennt Worku sich aus. An Markttagen sitzt der 35-Jährige zwischen Gemüsehändlerinnen und wartet auf Kundschaft. Sein einziges Werkzeug ist eine einfache Zange. Sein Vater hat ihm beigebracht, verbogene Streben zu richten und kaputte Schirme wieder brauchbar zu machen. Bis zu 25 Rappen verdient Worku damit an einem Markttag.
Worku lebt mit seiner Frau Tsehaynesh und ihren vier Kindern im Bezirk Raphe im Süden Äthiopiens. Die Familie besitzt nur einen Viertelhektar Land. Ihr Haus ist eine traditionelle Rundhütte. Zwischen den Streben der Wand klaffen grosse Löcher, das Dach ist mit Blättern der Ensete-Staude gedeckt.
Mittagessen fällt aus
Die Familie isst zweimal am Tag. «Geld für Kaffeebohnen haben wir nicht», sagt Worku. Morgens brüht Tsehaynesh aus den Schalen der Kaffeefrüchte einen Sud auf, dazu gibt es ein paar Ackerbohnen. Das Mittagessen fällt aus. Abends gibt es meist Kohl mit Kocho, einem Grundnahrungsmittel aus der Ensetestaude. «Wenn ich auf dem Markt etwas verdiene, bringe ich manchmal ein paar Tomaten oder Kartoffeln mit.»
Worku nutzt jede Möglichkeit, die sich ihm bietet. Er baut Ensete, Kohl und Bohnen an, fertigt Körbe aus Bambus – und hält schon länger Bienen. Doch die traditionelle Bienenhaltung in Äthiopien ist mühsam und gefährlich. Stiche sind Alltag, Stürze ein ständiges Risiko. Denn die traditionellen Bienenkörbe hängen hoch in den Bäumen. Sie werden aus einfachen Materialien wie Holz, Bambus, Zweigen und Gras gebaut und häufig mit Lehm oder Kuhdung abgedichtet. Will Worku kontrollieren, ob der Honig erntereif ist, muss er auf den Baum klettern.
Der Bienenkorb muss geöffnet werden. Die Bienen haben ihre Waben fest eingebaut; Worku muss sie herausschneiden. Dabei werden die Bienenvölker meist zerstört. Und die Ausbeute ist gering: Traditionelle Bienenkörbe liefern nach Angaben der Fachleute vor Ort gewöhnlich nur vier bis sechs Kilogramm Honig im Jahr.
Die Schweizer Stiftung Menschen für Menschen stattete Worku deshalb mit fünf neuen Bienenkästen aus und schulte ihn im Umgang damit. Aus jedem seiner traditionellen Körbe setzte er ein Bienenvolk in einen der neuen Kästen um. Sie stehen auf Gestellen am Boden. Im Inneren liegen Holzleisten quer über dem Kasten. An jeder bauen die Bienen eine Wabe. Worku kann sie einzeln herausheben, das Bienenvolk kontrollieren und prüfen, ob der Honig erntereif ist. Bei der Ernte entnimmt er gezielt Waben mit reifem Honig, ohne die Brutwaben zu zerstören.
Rohstoff für Honigwein
Die neuen Kästen liefern etwa 15 bis 20 Kilogramm Honig pro Volk und Jahr – ein Mehrfaches der traditionellen Körbe. Ein Kasten kostet umgerechnet 32 Franken. Einschliesslich Schulung und Schutzausrüstung investiert Menschen für Menschen rund 190 Franken pro Familie.
Bei Worku geht die Rechnung auf. Neun Monate nach Erhalt der Kästen erntete er aus einem von ihnen zum ersten Mal Honig: vier Eimer, rund 20 Kilogramm Rohhonig. Geschleudert wird der Honig nicht. Er bleibt mit Wachs und Wabenresten vermischt. Das mindert seinen Wert nicht: In Äthiopien ist solcher Rohhonig ein gefragter Rohstoff für Tej, den traditionellen Honigwein. Für einen Eimer könnte Worku derzeit etwa 2500 Birr, knapp 13 Franken, erzielen. Doch er wartet. «Gerade haben alle ihren Honig geerntet», sagt er. «Ich will ihn noch ein wenig zurückhalten, bis ich 3000 Birr dafür bekommen kann.» Für einen Eimer im Wert umgerechnet rund 15 Franken, müsste Worku 60 Tage lang Regenschirme reparieren. Vier Eimer hat ihm ein einziger Bienenkasten geliefert.
Die übrigen vier Kästen will Worku trotzdem noch nicht abernten. Die Blütezeit vieler Pflanzen ist vorbei. «Wenn ich jetzt den ganzen Honig ernte, haben die Bienen nichts mehr zu fressen», sagt er. Erst wenn wieder genügend Pflanzen blühen und die Bienen neue Vorräte anlegen, will er wieder ernten. Auch das hat Worku in seiner Schulung bei Menschen für Menschen gelernt: seine Bienenvölker zu beobachten und mit ihren Vorräten zu wirtschaften. Wie viel Honig kann er ihnen nehmen? Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Ernte?
Angepasste Lösungen
«Worku Alemu ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir arbeiten», sagt Claudio Capaul, Co-Geschäftsführer von Menschen für Menschen. «Unsere einheimischen Fachleute kennen die Familien, analysieren gemeinsam mit ihnen ihre Situation und suchen nach Lösungen, die zu ihrer jeweiligen Lage passen.»
Bei Worku lag die Imkerei nahe: Er hielt bereits Bienen. Andere Bauernfamilien lernen, wie sie auf ihren knappen Flächen mehr ernten können oder erhalten Unterstützung beim Aufbau eines kleinen Gewerbes.
Rund 98.000 Menschen leben im Bezirk Raphe. 36 Prozent der Familien besitzen weniger als einen Viertelhektar Land. Neun von zehn haben nicht das ganze Jahr über genug zu essen. Mit einem dreijährigen Projekt will Menschen für Menschen die Lebensbedingungen von rund 3600 Familien verbessern.
Worku weiss bereits, wofür er das Einkommen aus dem Honig verwenden will. Das Dach seines Hauses müsste erneuert werden, später möchte er ein Schaf oder eine Ziege kaufen. «Zunächst geht mein Verdienst aber in eine bessere Ernährung für unsere Kinder», sagt er. Wenn er seinen ersten Honig verkauft, soll es zumindest einmal etwas geben, das sich die Familie sonst nie leisten kann: «Dann kaufe ich bestimmt auch ein wenig Fleisch.»
Über die Stiftung Menschen für Menschen
Menschen für Menschen setzt sich gegen Armut und Hunger ein. Die Stiftung wurde von dem Schauspieler Karlheinz Böhm (1928 – 2014) gegründet. Im Geiste des Gründers schafft das Schweizer Hilfswerk Lebensperspektiven für die ärmsten Familien in Äthiopien. Ziel der Arbeit ist es, dass sie in ihrer Heimat menschenwürdig leben können. Schwerpunkte der einzelnen Projekte sind Frauenförderung, Berufsbildung, Mikrokredite, Kinderhilfe, Familienplanung und landwirtschaftliche Entwicklung. Die Komponenten werden nach den lokalen Bedürfnissen kombiniert und mit sorgfältig ausgewählten einheimischen Partnern umgesetzt.
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