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18.11.2020

Corona gefährdet die mentale Gesundheit von Kindern

Schülerinnen und Schüler leiden besonders unter den Einschränkungen in der Pandemie

 

Zürich/Debre Berhan, 18.11.2020 – Kinder in Afrika leiden besonders unter den Corona-Beschränkungen. In Äthiopien waren die Schulen über ein halbes Jahr lang geschlossen. «Eine ganze Generation droht den Anschluss zu verlieren», sagt Kelsang Kone, Geschäftsführer von Menschen für Menschen.

 

Viele Schweizer Eltern erinnern sich mit einigem Schrecken an die Schulschliessungen zwischen 13. März und 11. Mai aufgrund der Doppelbelastung Beruf und Heimunterricht. Abzüglich der Frühlingsferien verloren die Kinder sechs Wochen Schulzeit. «Immerhin konnten sich Lehrer, Schüler und Eltern mittels digitaler Tools auf Fernunterricht umstellen », sagt Kelsang Kone. «In Äthiopien ist das nicht möglich.» In dem ostafrikanischen Land wurde die Schulen ebenfalls ab Mitte März geschlossen. Aber die Regierung öffnete die ersten Schulen erst wieder ab Ende Oktober schrittweise. Abzüglich der Ferienwochen verloren damit alle äthiopischen Kinder und Jugendlichen mindestens rund 26 Schulwochen.

 

Zwar schlugen die Lehrer wöchentlich neue Aufgaben an den Schulpforten an. Auf Hilfestellung von Mama und Papa beim Selbststudium können aber die wenigsten Kinder setzen. Der Grossteil der Bevölkerung lebt als Kleinbauern und Tagelöhner. Sie verdienen extrem wenig und müssen jede Erwerbsarbeit annehmen. Für die Kinder bleibt kaum Kraft. Aber auch wenn sie welche hätten, könnten sie nicht helfen: Viele Eltern waren nie in einer Schule. Vor allem ist digitaler Unterricht und damit auch das Feedback von den Lehrern noch eine Utopie. «Computer sind unerschwinglich. Viele Eltern sind froh, wenn sie das Geld für Hefte und Kugelschreiber aufbringen», erklärt Kelsang Kone.

 

Also waren die Kinder über ein halbes Jahr lang in winzigen Unterkünften auf sich allein gestellt. Die ärmsten Familien haben meist nur zwei Räume, manchmal auch nur einen zur Verfügung. Pro Familienmitglied gibt es im Schnitt vier Quadratmeter Wohnraum. Zum Vergleich: In der Schweiz hat eine Familie mit zwei Kindern im Schnitt 144 Quadratmeter Wohnraum. Hinzu kommt die besondere Anspannung der Eltern in Äthiopien: Viele Tagelöhner finden aufgrund der Corona-Beschränkungen keine Gelegenheitsjobs mehr. Den Familien droht damit Mangelernährung und Hunger.

 

Die Kinder sind gereizter

«Die Buben und Mädchen sind in dieser Situation gereizter und aggressiver», sagt Kelsang Kone. «So berichten es unsere Sozialarbeiterinnen in Debre Berhan.» In der äthiopischen Grossstadt gibt Menschen für Menschen den 1000 ärmsten Kindern Lebensperspektiven. Die bedürftigsten Familien bekommen seit Beginn der Corona-Krise Überlebenspakete mit Nahrungsmitteln von dem Schweizer Hilfswerk. Daneben sei die mentale Unterstützung sehr wichtig: «Unsere Mitarbeiterinnen fragen die Kinder nach ihren Sorgen, sie trösten und motivieren sie zum Lernen, korrigieren auch mal eine Schulaufgabe.»

 

Ausserdem beraten die Sozialarbeiterinnen die Väter und Mütter. Die Enge und die fehlende Bewegung sind grosse Probleme. Warum nicht abends, wenn die Strassen leer sind, gemeinsam spazieren gehen? Oder gemeinsam einen Fussball aus Lumpen basteln und damit auf der Gasse spielen?» Viele Eltern schauen zunächst verwundert bei diesen Vorschlägen. Mit den Kindern Qualitätszeit zu verbringen, ist nicht verbreitet bei den armen Familien in Äthiopien – weil der Kampf ums Überleben die Energien fordert. «Aber gerne lassen sich viele Eltern inspirieren – und die Kinder geniessen das gemeinsame Erlebnis», sagt Geschäftsführer Kone. «So lassen sich Momente der Nähe schaffen in einer schwierigen Zeit.»

 

Auch mit dem Verteilen von Tagebüchern an die Kinder soll die mentale Gesundheit gefördert werden. Das Schreiben von Tagebüchern ist für viele Teenager wichtig – umso mehr in der Corona-Zeit, in der sie kaum Freunde treffen können, weil die meisten Familien ihre Kontakte auf ein Minimum beschränken: Corona ist für arme Tagelöhner auch deshalb bedrohlich, weil sie nach einer Ansteckung nicht arbeiten können, also kein Geld für Nahrungsmittel verdienen können. Die Mitarbeiterinnen von Menschen für Menschen ermuntern die Kinder, ihre Gedanken und Gefühle zu notieren. «Das Schreiben ist für mich wie ein Anker“, sagt der 15 Jahre alte Eremias. «Es hilft mir, positiv zu bleiben.»

 

Es dürfe nicht soweit kommen, dass Kinder und Jugendliche durch den Unterrichtsausfall und die besonders schwierige Lage der ärmsten Familien in der Corona-Zeit den Anschluss verlieren, erklärt Kelsang Kone: «Wir geben Schulmaterial aus. Und unsere Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die Teenager, damit sie aufgrund der langen Pause nicht demotiviert und zu Schulabbrechern werden.»

 

Menschen für Menschen setzt sich gegen Armut und Hunger ein. Die Stiftung wurde von dem Schauspieler Karlheinz Böhm (1928 – 2014) gegründet. Im Geiste des Gründers schafft das Schweizer Hilfswerk Lebensperspektiven für die ärmsten Familien in Äthiopien. Ziel der Arbeit ist es, dass sie in ihrer Heimat menschenwürdig leben können. Schwerpunkte der einzelnen Projekte sind Frauenförderung, Berufsbildung, Mikrokredite, Kinderhilfe, Familienplanung und landwirtschaftliche Entwicklung. Die Komponenten werden nach den lokalen Bedürfnissen kombiniert und mit sorgfältig ausgewählten einheimischen Partnern umgesetzt.

 

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Michael Kesselring, Kommunikation / Mediensprecher
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