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Shopping in Äthiopien: Kichererbsen und Kondome

Ladensortiment

Warenangebot in einem Laden im Dorf Odomike in Äthiopien.

Ein Regal mit fünfzig verschiedenen Haarshampoos. Ein Dutzend Mineralwasser zur Auswahl. Äpfel aus Neuseeland, Bier aus Thailand, Kaffee aus Kolumbien: Was in Schweizer Supermärkten ganz normal ist, können sich die Menschen auf dem Land in Äthiopien kaum vorstellen. Häufig führen nur Erdpisten in ihre Dörfer, manchmal auch nur Eselpfade. «Shopping» findet deshalb hauptsächlich auf den Märkten statt, die ein oder zwei Mal wöchentlich in den grösseren Orten der Provinzen stattfinden. Dort verkaufen die Bauern ihre Produkte. Sie schaffen sie auf Eselrücken heran. Oft besitzen sie aber kein Tragtier. Man sieht häufig wie schmächtige Bäuerinnen mehrere dutzend Kilo schwere Säcke viele Kilometer weit zum Markt tragen.

Zusätzlich zu den Wochenmärkten gibt es in den Dörfern meist einen Laden, der gewöhnlich nicht grösser ist als ein Zeitungskiosk in der Schweiz. Auf unserem Foto ist die Auslage eines Ladens im Dorf Odomike im Landdistrikt Abaya zu sehen. Dort findet sich alles, was man und frau sich leisten kann.

Augenfällig für ausländische Besucher ist zunächst das sehr eingeschränkte Angebot – und dass die Waren in winzigen Portionen verkauft werden. Die Menschen leben von der Hand in den Mund. Vorratspackungen können sie sich nicht leisten. Deshalb sieht man in der Auslage in Plastiktüten eingeschweisst kleine Mengen an Maismehl und Kichererbsen-Pulver – die Grundlage für die Shiro-Saucen, die zum täglichen Injerra-Brot gegessen werden. Auch kleine Handseifen werden einzeln verkauft.

Dorfmarkt in Shewarobit

Dorfmarkt in Äthiopien.

Waschmaschinen gibt es nicht, die Frauen schrubben und wringen die Kleidung von Hand – statt Pulver mit leistungsfähigen Enzymen können sich die meisten Familien nur einzelne weisse Blöcke an Waschseifen leisten, auch wenn die umgerechnet nur zwischen sieben und 20 Rappen kosten.

Ein Stromanschluss fehlt in vielen Behausungen, deshalb bieten die Läden Taschenlampen aus chinesischer Produktion und die dazugehörigen Batterien an. Die Lampen sind von miserabler Qualität und gehen schnell kaputt – dann bleiben nur die alten Petroleumlampen, die Russ abgeben und gesundheitsschädlich sind. Auch Petroleum wird in dem Laden angeboten.

Für die Kinder gibt es Schleckstengel, Trillerpfeifen, Murmeln und Guetzli, für die Frauen Handspiegel und Nagellack in kräftigen Farben. Die wenigen Süssgetränke sind für besondere Gelegenheiten reserviert – schliesslich geht für den Kauf einiger Flaschen ein ganzer Tagelohn drauf. Fähnchen in den Farben der Region Oromia schmücken das Sortiment: Die meisten Äthiopier sind nicht nur stolz auf die Jahrhausende alte Geschichte ihres Landes, sondern auch auf ihre ethnische Zugehörigkeit und regionale Identität.

Ladenbetreiber Shimalis: «Kondome sind jetzt eine Ware wie jede andere.»

Seit einigen Monaten führt Ladenbetreiber Shimalis Edema, 25, eine neue Ware: Es gibt nun auch Kondome zu kaufen. Die Marke heisst Sensation, was durchaus ein passender Name ist. Denn im Grunde ist es eine Sensation, dass Dorfbewohner sich trauen, sie offen im Laden zu kaufen. Die Kondome werden von Menschen für Menschen an die Läden im Distrikt gratis geliefert. Sie sind Teil der Anstrengungen der Schweizer Stiftung für die öffentliche Gesundheit. Wie viele weitere ehrenamtlichen Helfer wurde auch Shimalis Edema von Menschen für Menschen als Gesundheitsberater ausgebildet. «Wir gehen von Haus zu Haus und erklären den Dorfbewohnern, wie sie sexuell übertragbare Krankheiten vermeiden können», erklärt der Kioskbesitzer. «Wir informieren auch über verschiedene Möglichkeiten der Familienplanung.»

Zunächst gab es von konservativen Stimmen im Dorf Widerstände gegen die Initiative. Manche älteren Menschen fürchteten, dass durch den Kondomverkauf die Jugend auf falsche Ideen geführt würden: Mädchen sollen nach traditionellem Verständnis unberührt in die Ehe gehen. Andere wetterten, Verhütung und das Einschränken der Kinderschar in den Familien sei nicht das, was Gott wolle.

Noch bekommt jede Frau in Äthiopien statistisch fünf Kinder – aufgrund der knappen Ressourcen wachsen viele Kinder in extremer Armut und ohne Lebensperspektiven auf. Mit steigender Aufklärung und Bildung aber sinkt die Zahl der Kinder pro Familie auf das Niveau der reichen Länder. Äthiopierinnen, die den Abschluss der Sekundarschule erreicht haben, bekommen statistisch nur 2.2, Kinder. Menschen für Menschen unterstützt die Familien dabei, ihre Kinderzahl selbst zu bestimmen. So, dass sie nur so viele Kinder bekommen, wie sie wirklich wollen und auch ernähren können.

Im Dorf Odomike sei das Stigma gegen Verhütung und Familienplanung dank der Aufklärung durch die ehrenamtlichen Helfer jedenfalls gebrochen, sagt Kioskbetreiber Shimalis: «Junge Leute kaufen bei mir Kondome wie jede andere Ware auch.»