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Berufsbildung in Addis Abeba:

Der Verzweiflung entkommen

In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba bieten Menschen für Menschen und seine einheimische Partnerorganisation Agohelma besonders armen Frauen eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin an. Jetzt haben so viele Frauen wie noch nie den halbjährigen Kurs abgeschlossen: 146 Absolventinnen bekamen Ende Oktober ihre Ausbildungsurkunden überreicht. Eine von ihnen ist Selamawit Tarekegn. Hier erzählt die 23-Jährige ihre beeindruckende Lebensgeschichte.

 

Portrait von Selamawit

Selamawit, 23, hat schwere Jahre hinter sich

«Als ich ein Jahr alt war, liessen sich meine Mutter und mein Vater scheiden. Sie heiratete einen neuen Mann. Er gab mir die Liebe, die mein leiblicher Vater nicht für mich hatte. Aber nach einigen Jahren begann er zu trinken und gemein zu werden. Als sich meine Mutter von ihm trennte, zerstörte er alle Möbel, die wir besassen, und wir standen vor dem Nichts.

Meine Mutter tat alles, um meinen jüngeren Bruder und mich durchzubringen. Sie wusch die Wäsche anderer Leute und backte Brot. Sie bettelte in Hotels um Essenreste. Sie bot sich sogar als Prostituierte an. Nur, damit wir überleben. Dass wir ein winziges Haus mieten konnten. Es hatte nur ein Zimmer.

Sie ist eine gute Mutter. Sie hat uns immer ermutigt, zu lernen und in der Schule fleissig zu sein. Leider bekam sie HIV. Die Nachbarn fürchteten die Krankheit, wollten keinen Kaffee mehr mit ihr trinken und brachen den Kontakt ab. Wenn ich mit anderen Kindern spielte, schimpften die Eltern. Ich war ausgestossen.

Dann starb der Bruder meiner Mutter. In seinem letzten Willen stand, dass sie seine beiden Kinder nehmen sollte. Damit wurde unsere Situation noch schlimmer. Meine Mutter musste sich nun um vier Kinder kümmern.

 

Die Ausbildung ist praxisorientiert

Migration als Rettung?

Als ich in die 9. Klasse ging, beschloss ich, meiner Mutter zu helfen. Ich wollte Geld verdienen. Ich wollte wie viele andere junge Äthiopierinnen in ein arabisches Land reisen. Ich hatte gehört, dass man dort arbeiten kann und gut bezahlt wird. Ich gab an, älter zu sein, um eine Chance zu bekommen. Es dauerte länger als erwartet und die Leute in der Nachbarschaft tuschelten, ich würde nicht genommen, weil ich wie meine Mutter HIV hätte. Doch ich habe mich testen lassen – ich habe das Virus nicht. Schliesslich, ein Monat vor Ende der zehnten Klasse, durfte ich ausreisen. Es ging nach Beirut.

Im Libanon war es schlimm. Ich war ja ein Teenager und hatte grosses Heimweh nach meiner Mutter. Ich arbeitete als Dienstmädchen, aber hatte keine Erfahrung mit Hausarbeit. Mein Arbeitgeber war ein alter Mann, der mich ständig belästigte. Nach eineinhalb Jahren musste ich zurückkehren. Die Leute zuhause sagten: «Sie ist zurückgekommen, weil sie HIV-krank ist.»

Ich setzte meine Schule fort. Unsere materielle Lage war weiterhin schlimm, ich begann zu verzweifeln. Nachdem ich die Prüfung für die 12. Klasse abgelegt hatte, überzeugte ich meine Mutter: «Du hast so viel geopfert für mich, lass es mich nochmal im Ausland probieren, vielleicht wird es besser.»

 

Absolventin Selamawit erhält ihr Berufsattest in Addis Abeba

Mit ihrem Zeugnis hat Selamawit die Chance auf einen menschenwürdigen Job

Vom Regen in die Traufe

Dieses Mal ging es nach Dubai. Meine Arbeitgeberin war ägyptischer Nationalität und hat mich oft gequält. Sie hatte eine Geflügelzucht. Ich musste um 4:00 Uhr morgens aufstehen und den Hühnerstall putzen, dann das Auto waschen. Täglich.

Ich hatte Zahnschmerzen, und sie wollte mich nicht zur Behandlung in ein medizinisches Zentrum bringen. Ich war so krank, dass ich keine Nahrung zu mir nehmen konnte. Ich bat sie dann, mein Gehalt für die medizinischen Kosten zu verwenden, aber sie weigerte sich. Ich begann, Gewicht zu verlieren. Sie behielt mein Gehalt für drei Monate ein. Ich weinte viel.

Ihr Sohn war rücksichtsvoller, er hatte Mitleid mit mir. Er sagte, seine Mutter solle mich entweder zu einer Arbeitsagentur für Gastarbeiterinnen bringen oder mich zurückreisen lassen. Ich wollte aber nicht zurück nach Äthiopien, ich hätte das als erneute Niederlage empfunden und zu Hause hätte mich nur die gleiche Armut wie immer erwartet.

Die Frau bei der Arbeitsagentur war ein guter Mensch. Sie sagte mir, ich solle bei ihr bleiben, bis ich mich erholt hätte. Ich blieb eine Woche. Dann brachte sie mich in ein Haus auf dem Land, umgeben von Wüste.

Es war ein riesiges Haus und die Arbeit hörte nie auf. Noch nachts musste ich draussen den Hof vom Sand reinfegen. Meine Zahnschmerzen fingen wieder an. Mein Arbeitgeber wollte mich nicht zum Zahnarzt bringen, weil ich illegal in Dubai war und keine Aufenthaltspapiere hatte.

Zwei Jahre hielt ich es aus. Dann, vor einem Jahr, kam ich zurück nach Äthiopien. Ich hatte vier Jahre meines Lebens vergeudet, aber ich immer noch nichts erreicht. Ich konnte mich immer noch nicht selbst versorgen.

 

Selamawit (zweite von links) tanzt mit Kolleginnen an der Abschlussfeier

Eine unverhoffte Chance

Meine Mutter verkaufte Anbasha, ein gesüsstes Brot, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und wir lebten das gleiche arme Leben wie immer. Dann hörte ich von der Ausbildung: Eine Organisation namens «Menschen für Menschen» wollte besonders arme Frauen zur Hauswirtschafterin ausbilden. Zunächst war ich skeptisch, denn die Ausbildung war kostenlos – konnte das etwas wert sein?

Als ich meine Klassenkameraden kennengelernt hatte, begriff ich einige wichtige Dinge: Es gibt andere junge Leute, die noch grössere Probleme haben als ich. Und: Ich bin gesund und ich kann die Dinge ändern, mit meiner eigenen Kraft. Dass meine Kolleginnen freundlich und hilfsbereit waren, hat mir mehr gebracht als alles andere. Ich habe Freundinnen gefunden. Bevor ich an dieser Ausbildung teilnahm, war meine Mutter meine einzige Freundin. Ich fühle mich stärker durch den Austausch. Ich glaube an mich.

Gute Ausbildung

Die Ausbildung war gut. Ich habe so viele Dinge gelernt, die ich im beruflichen, wie persönlichen Leben brauchen kann. Am Anfang wusste ich nicht einmal, wie man traditionelle Gewürzmischungen zubereitet, die in unserer Küche sehr wichtig sind. Früher habe ich sie teuer gekauft, aber jetzt kann ich sie selbst herstellen und sogar verkaufen. Ich weiss jetzt, wie ich mit wenigen und knappen Zutaten und Ressourcen gesund für die Familie kochen kann. Ich habe gelernt, wie man professionell Babys und Kleinkinder betreut – auch in diesem Bereich gibt es viele Jobchancen bei wohlhabenden Haushalten. Ich habe gelernt, wie man professionell Gäste empfängt, also kann ich auch im Service eines internationalen Hotels arbeiten.

 

Berufsabsolventinnen feiern mit ihrem Diplom

146 Frauen haben den Kurs abgeschlossen

Persönliche Veränderung

Die Ausbildung hat mich in vielerlei Hinsicht verändert. Früher konnte ich Menschen nicht ins Gesicht schauen, war schüchtern, weil ich mich minderwertig fühlte. Jetzt glaube ich, dass ich meine Geschichte neu schreiben kann. Ich glaube, dass ich mit dem, was ich gelernt habe, grosse Dinge erreichen kann.

Eine der Lehrerinnen hat mir geraten, es zunächst als Servicekraft in einem Hotel zu versuchen. Aber zumindest teilweise möchte ich auch selbständig Kuchen backen und verkaufen. Leute, die einen guten Job haben, lieben es, mit ihren Kindern Kuchen essen zu gehen. Da sehe ich Potential. Irgendwann möchte ich eine eigene Konditorei eröffnen.

Ich hoffe sehr, dass Menschen für Menschen diese Ausbildung für andere arme Frauen fortsetzen wird. Noch viele sollen die Möglichkeit haben, der Verzweiflung zu entkommen. Sie sollen ein Bild von einer besseren Zukunft für sich entwerfen und eine Perspektive haben, daran zu arbeiten. So wie ich jetzt.»


Mit einer Spende ermöglichen Sie, dass noch viele weitere arme Frauen bessere Jobchancen erhalten und sich so aus der Armut befreien können. Vielen herzlichen Dank für Ihre Unterstützung:

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