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Selbst ist die Frau: Mikrokredite schaffen Zukunft

In der Grossstadt Debre Berhan erhalten die 1000 ärmsten Kinder Schulmaterial und Lebensmittel von Menschen für Menschen. Den dauerhaften Ausbruch aus der extremen Armut stellt aber die Hilfe für ihre Mütter sicher. Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe organisiert und schult die Frauen in Selbsthilfegruppen. Dort werden sie zu unabhängigen und selbstbewussten Klein-Unternehmerinnen.

Sozialarbeiterin Etalemahu

Zwölf Frauen hängen an den Lippen der Sozialarbeiterin Etalemahu.

Welche Eigenschaften braucht jede gute Chefin und jede gute Vorsitzende? «Sie darf nicht ängstlich sein. Und die Leute dürfen keine Angst vor ihr haben», sagt Sozialarbeiterin Etalemahu Wogayehu. «Sie muss geduldig sein, ehrlich und offen in der Kommunikation.» Zwölf Frauen hängen an Etalemahus Lippen. Für manche ist es der erste Unterricht ihres Lebens, denn in einer Schule waren sie nie. Die Frauen haben sich auf Initiative von Menschen für Menschen in einer neuen Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen, jetzt wählen sie die Leiterin ihrer Gruppe. Gemeinsam wollen sie für sich und ihre Kinder ein besseres Leben erarbeiten. Wenn sie davon erzählen, wischen sich manche mit schnellen Handbewegungen über die Augen. Niemand soll ihre Tränen sehen, die Frauen wollen tapfer sein. Alle haben Kinder, aber nur eine hat einen Partner: Die Männer haben Frau und Kinder im Stich gelassen oder sie sind tot, gestorben an Aids.

Eine von vier HIV-positiven Müttern in der Gruppe ist Kokobe Tegegn. Sie war noch ein Teenager, als sie in einer Schnaps-Spelunke arbeitete und dort den Vater ihres Sohnes kennenlernte. «Ich liebe dich. Heirate mich!», sagte er. «Nur, wenn du mich hier rausholst», antwortete sie. Er versprach es und Kokobe wurde schwanger. Als sie im sechsten Monat war, verliess er sie. «Nach der Geburt suchte ich ihn auf und sagte: Das ist dein Sohn!», erzählt Kokobe. Doch der Vater habe geantwortet: «Ich kenne dich nicht. Verschwinde!» Kokobe arbeitet seither als Dienstmagd für umgerechnet zwölf Franken im Monat. Ihr Sohn Bizuayehu ist inzwischen 14. Statt zur Schule zu gehen, putzt er Schuhe am Strassenrand, damit er sich etwas zu essen kaufen kann.

Frauen in Selbsthilfegruppe

Die Mütter wollen tapfer sein – und sich ein unabhängiges Leben erarbeiten.

In der neuen Selbsthilfegruppe von Menschen für Menschen bekommen die Mütter verschiedene Schulungen. Vor allem geht es um kaufmännische Grundlagen und wie man erfolgreich ein Kleinstunternehmen führt. Wenn die Frauen eine kleine Summe angespart und so ihren Willen zum eigenen Einsatz nachgewiesen haben, erhalten sie von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe einen Mikrokredit, um ein Geschäft starten zu können. Kokobe möchte mit Obst, Gemüse und Holzkohle handeln. Andere planen in grossem Stil das traditionelle Fladenbrot Injera zu backen und an Privatleute und Esslokale zu verkaufen.

In der Stadt Debre Berhan erhalten die 1000 ärmsten Kinder von Menschen für Menschen vielfältige Hilfen, vor allem Schulbedarf und Lebensmittel. «Aber diese Hilfen reichen nicht», erklärt Sozialarbeiterin Etalemahu, die täglich für die Äthiopienhilfe in den Slums der Stadt unterwegs ist. «Was unsere Hilfe wirklich nachhaltig erfolgreich macht, sind die Selbsthilfegruppen.» Sie selbst betreut sechs der Mütter-Gruppen. «Es geht nicht nur um fachliches Wissen und Mikrokredite. Vor allem ist auch wichtig, das Selbstwertgefühl der Frauen zu wecken.»

Immer ein halbes Dutzend solcher Selbsthilfegruppen schliessen sich zu einer Genossenschaft zusammen. Das NAGAYA MAGAZIN besucht ein Treffen einer solchen Genossenschaft in einer Wellblechhalle im Zentrum von Debre Berhan. Die Mitglieder haben vor zwei bis drei Jahren ihren ersten Mikrokedit erhalten. Sie lächeln, die Augen leuchten, sie empfangen den Besuch aus der Schweiz mit brennenden Kerzen in den Händen. «Denn Menschen für Menschen hat Licht in unserer Zukunft gebracht», erklärt eine der Frauen. Gerne wollen sie von ihren Erfolgen berichten. Yobdar Gebreyes zum Beispiel: Die Dreissigjährige kaufte mit ihrem Mikrokredit eine billige Fritteuse und bäckt seither Samosas am Strassenrand. Mit den Gewinnen konnte sie nun zusätzlich einen kleinen Laden mit Gewürzen und Waren des täglichen Bedarfs eröffnen: «Schritt für Schritt geht es voran.»

Menschen für Menschen konnte sich im vergangenen Jahr aus der Genossenschaft zurückziehen: «93 Familien mit 188 Kindern konnten wir in die Selbstständigkeit entlassen», sagt Sozialarbeiterin Etalemahu. «Sie schaffen es nun ohne unsere Hilfe.»

 


WARUM WIR HELFEN

Ohne Hilfe von aussen haben die 1000 ärmsten Kinder in der Grossstadt Debre Berhan keine Chance. Meist sind ihre Mütter auf sich allein gestellt und so arm, dass sie ihnen nicht einmal Stifte und Hefte kaufen und die Kinder nicht zur Schule gehen können.

WAS WIR ERREICHEN

  • Die 1000 geförderten Kinder erhalten Schulmaterialien und besuchen den Unterricht
  • Akut erkrankten Kindern ermöglichen wir die nötige medizinische Behandlung
  • Rund 20‘000 Schulkinder erhielten an ihren Schulen Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranlagen
  • Bislang konnten rund 200 Mütter dank Mikrokrediten ein kleines Gewerbe beginnen

Mit Ihrer Spende helfen Sie mittellosen Frauen in die Selbstständigkeit.

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«Jetzt hungern meine Kinder nicht mehr»

Wude Negussie, 38, war früher eine extrem arme Tagelöhnerin. Mit einem Mikrokredit der Äthiopienhilfe hat sie Hühner erworben, einen Stall gebaut und lebt jetzt vom Eierverkauf. Erfahren Sie mehr in unserem Text- und Videoporträt.

«Schritt für Schritt geht es voran»

Yobdar Gebreyes konnte mit dem Verdienst aus ihrem Strassenimbiss zusätzlich einen kleinen Laden eröffnen.

«Ich bin sehr dankbar»

Früher schuftete Mekoya Chirotaw in den Slums von Debre Berhan als Wäscherin. «Oft schliefen wir mit leerem Magen ein», erinnert sich Mekoya. Mit einem Mikrokredit von Menschen für Menschen über 250 Franken kaufte sie zwei weibliche Kälber. Inzwischen sind sie herangewachsen, jede der beiden Kühe gibt täglich elf Liter Milch. Den Liter kann sie für umgerechnet 60 Franken verkaufen, sie macht also einen Umsatz von rund 13 Franken pro Tag. Zum Vergleich: Als Wäscherin musste sie sich für einen Hungerlohn von einem Franken am Tag verdingen. «Jetzt können meine beiden Kinder zur Schule gehen und wir sparen auf den Bau eines Lehmhauses, das ein Blechdach haben soll», freut sich die Mutter. «Ich bin sehr dankbar, dass wir diese Chance bekommen haben.»