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Kuhdung ist ein wertvolles Gut

Die Hinterlassenschaften von Kühen sind ein wertvolles Gut: In Äthiopien schützt der Dung vor Sandflöhen, wird beim Hausbau verwendet und hilft beim Brotbacken und Kaffeekochen.

Schüler wedeln staubigen Klassenzimmerboden auf

In staubigen Klassenzimmern fühlen sich Sandflöhe wohl

Das freitägliche Ritual an der Schule im Dorf Kelecha Jibat geht so: Statt Mathe oder Englisch zu lernen, schwärmen Mädchen und Jungen in alle Richtungen aus. Auf Wegen und an Feldrainen sammeln sie halbgetrocknete Kuhfladen und tragen sie ins Klassenzimmer. Dort mischen sie den Dung mit Wasser an. Dann streichen sie die mörtelähnliche Masse mit ihren Handflächen sorgfältig überall am Boden aus.

Der Dung soll vor einem fürchterlichen Plagegeist schützen, der seine Opfer mit juckenden Bissen schier in den Wahnsinn treiben kann: „Tunga penetrans“, der gemeine Sandfloh, liebt trockenen Staub. Dort wartet er auf seine Opfer, seien es Mäuse, Haustiere – oder Menschen.

Feuchte Böden, mit Kuhdung vermischt, hasst der Parasit dagegen. In vielen Schulen in Äthiopien sorgt der Blutsauger dafür, dass regelmässig ein paar Unterrichtseinheiten ausfallen: Statt Biologie oder Chemie steht dann praktische Schädlingsbekämpfung auf dem Stundenplan.

Aber nicht nur wegen des Sandflohs sind in Äthiopien die Hinterlassenschaften von Rindern eine wertvolle Ressource. Sogar in den Schatz der Sprichwörter hat es das Material geschafft: «Kuhfladen können nicht gesammelt werden, wo keine Kuh war», lautet die äthiopische Weisheit, die daran erinnert, dass eine Wirkung immer von einer Ursache abhängt.

Mädchen belegt Schulzimmerboden mit Kuhdung

Massnahme gegen Flöhe: Schüler streichen die Böden mit Kuhdung aus

Eine wichtige Wirkung des Dungs für die armen Familien in Äthiopien: Er macht die Lehmwände der traditionellen Rundhütten stabiler und glatter. Wenn man das organische Material in den Lehm mischt, bilden sich nicht so schnell Trockenrisse in den Wänden. In manchen Dörfern ist es sogar eine Neujahrstradition, Wände und Böden mit halbflüssigem Kuhdung zu polieren, um Staub und Flöhe Einhalt zu gebieten und das Haus für das neue Jahr vorzubereiten.

Die wohl wichtigste Eigenschaft des Dungs für die armen Familien ist sein hoher Brennwert – im Vergleich zu den verfügbaren Alternativen wie dürres Laub, Dornstrauchzweige oder Maisstängel. All diese Materialen verbrennen die äthiopischen Frauen in ihren Kochfeuern. Der Rauch ist zwar schier unerträglich und auf Dauer gesundheitsschädlich. Aber richtiges Brennholz ist rar – die Wälder sind meist abgeholzt, sie mussten Weiden und Feldern weichen oder wurden als Bauholz eingeschlagen.

Die Nutzung von an der Sonne getrocknetem Dung als Brennstoff ist aber keine äthiopische Besonderheit. Auch in anderen baumarmen Bergregionen und Hochplateaus, ob in Tibet, der Türkei oder früher in den Alpen, sind getrocknete Kuhfladen als Heizmaterial bekannt. Nach einer wissenschaftlichen Studie machen sie in Dörfern des zentralen Hochlands in Äthiopien 60 Prozent der verbrannten Biomasse aus, 25 Prozent stammen aus landwirtschaftlichen Abfällen und nur 15 Prozent des Brennmaterials sind Holz und Holzkohle.

Hütte mit holzsparendem Ofen

Getrockneter Kuhdung dient auch als Brennstoff in den Küchenherden

In einem Kuhfladen steckt 0,1 Kilowattstunde – wollte ein durchschnittlicher Radfahrer diese Energiemenge produzieren, müsste er eine Stunde lang in die Pedale treten.

Zwar schont der Gebrauch der Kuhfladen als Brennstoff die letzten Wälder. Sie scheinen ja auch in grosser Zahl vorhanden, da die Wiederkäuer viel Biomasse aufnehmen und pro Tag acht bis zehn Stück produzieren. Doch weil der Rohstoff so eifrig gesammelt wird, werden die Böden nährstoffärmer. Auch kann der Untergrund weniger Niederschläge aufnehmen, wenn das organische Material fehlt. In Folge wächst das Gras auf den Weiden weniger üppig die Getreideerträge auf den Äckern sinken – wenn die Bauern keinen Kunstdünger kaufen. Der ist aber für sie kaum erschwinglich.

Menschen für Menschen hilft den armen Familien mit sogenannten «verbesserten Herden». Traditionell kochen die meisten Familien nämlich wie seit Jahrhunderten über offenen Feuern – nur Nomaden in schon immer holzarmen Halbwüsten haben Erdöfen entwickelt. Die Schweizer Stiftung sorgt für den Zugang zu Zementöfen, die mit Lehm verputzt werden und ein Drittel bis die Hälfte an Brennmaterial einsparen im Vergleich zu offenen Feuerstellen.

Kuhfladen sind ausgelegt, um an der Sonne zu trocknen

Stapelware: In vielen Dörfern Äthiopiens ist Kuhdung der wichtigste Brennstoff

Ein Haufen Ressourcen – fertig für den Gebrauch im Küchenherd

Die Hütten sind aus Lehm. Häufig wird auch Kuhdung in diesen Baustoff gemischt

Mit mehr Kuhdung im Lehm gäbe es weniger Risse in der Wand als bei diesem Haus

Getrockneter Kuhdung dient auch als Brennstoff in den Küchenherden