Familienplanung: Kinderreich und bettelarm | Menschen für Menschen
Spenden

Kinderreich und bettelarm

 

Familienplanung

Familienplanungsexpertin Azenegash Wondemu

Die Krankenschwester Azenegash Wondemu, 38, wirbt in unserem Projektgebiet Abaya Gelana für Verhütung. Warum Familienplanung von so entscheidender Bedeutung ist, erklärt die Mitarbeiterin im Interview.

Frau Azenegash Wondemu, das Projekt in Abaya Gelana will vor allem die Landwirtschaft fördern und Einkommen für die armen Bauern schaffen. Wozu braucht es Sie als Expertin für Familienplanung?

Einfach ausgedrückt: Ich bin dafür zuständig, dass der Erfolg unserer Landwirtschaftsexperten nicht verpufft.

Das müssen Sie genauer erklären!

Eine ganz gewöhnliche Familie hier hat rund die Hälfte des Jahres nicht ausreichend zu essen. Das liegt nicht nur an der wenig leistungsfähigen kleinbäuerlichen Landwirtschaft, sondern auch an der Überbevölkerung. Jede Frau bekommt im Schnitt fünf bis sechs Kinder. Der Kinderreichtum führt zu einer Spirale des Elends.

Wie genau?

Wenn eine Familie nicht genug erntet, schicken die Eltern die Kinder in den Wald, um Holz zu schlagen. Dann produzieren sie daraus Holzkohle, um Einkommen zu erzielen. Wenn viele Familien zu dieser Tätigkeit gezwungen sind, kommt es zur Entwaldung – und im folgenden zur Erosion, weil es an den Hängen keine Baumwurzeln mehr gibt, die den Regen zurückhalten. Die Niederschläge fliessen rasch zu Tal und schwemmen auf den Feldern den Mutterboden weg.

Also werden die zukünftigen Ernten noch geringer?

Ja, und aus der Mangelernährung der Kinder folgt dann die Anfälligkeit für Krankheiten. Sie verlieren den Anschluss in der Schule und die Eltern müssen Medizin kaufen und sich dafür häufig verschulden. Die Familien können auf keinen grünen Zweig kommen und die Armut droht sich in die nächste Generation zu übertragen.

Diese Zusammenhänge sind leicht zu verstehen – warum bekommen die Leute dann so viele Kinder?

Bis vor einigen Jahren gab es keinen Fokus auf Familienplanung, die Frauen wussten nicht davon oder in den Gesundheitsstationen waren keine Verhütungsmittel erhältlich. Und da ist das traditionelle Denken: Kinder gelten als Lebensversicherung im Alter, denn es gibt ja keine Renten. Wenn nur ein Kind von vielen beruflich Erfolg hat, sind die Eltern abgesichert.

Familienplnaung

In den kinderreichen Familien in Abaya Gelana vererbt sich die grosse Armut leicht in die nächste Generation.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Kind durch die Schule und auf die Universität und in einen bezahlten Posten schafft, ist doch grösser, wenn es keine Not leidet …

… das ist genau eines meiner Hauptargumente, wenn ich die Menschen bei Versammlungen und in ihren Häusern treffe: Wenige Kinder sind eine bessere Lebensversicherung als eine ganze Schar.

Bei Familienplanung geht es um Sexualität und um höchst persönliche und private Entscheidungen. Wie reagieren die Menschen auf Ihre Ratschläge?

Es gibt Einzelne, vor allem Männer, die Widerstand leisten. Sie sind der Meinung, dass diese Bewusstseinsbildung verkehrt ist. Manche fragen mich: Bist du hier, damit uns unsere Frauen keine Kinder mehr schenken?

Was sagen Sie dann?

Ich versuche sie weiter mit rationalen Argumenten zu erreichen. Die Leute respektieren mich als gebildete Frau und es gibt keine Aggression gegen mich

Jedenfalls wenden Sie sich nicht nur an die Frauen, sondern auch an die Männer?

Der fehlende Erfolg von Familienplanungs-Kampagnen in früheren Zeiten in Äthiopien lag daran, dass sie sich lediglich auf die Frauen konzentrierten. Doch wir müssen die Männer von Anfang an einbeziehen!

In den beiden Projektgebieten wohnen insgesamt 230’000 Menschen. Können Sie als einzelne Fachfrau wirklich etwas bewirken?

Ich bin nicht allein! Ich arbeite mit den lokalen Behörden zusammen. Wir bilden Arbeitsgruppen aus Gemeindevorstehern, Ältesten und Gesundheitsbeauftragten in den Distrkten und organisieren sogenannte peer educators: Zunächst werden ausgewählte Männer und Frauen in Familienplanung unterrichtet, sie tragen dann ihr neues Wissen in die Nachbarschaften ihrer Weiler und Dörfer. In den Schulen organisiere ich Gruppen aufgeweckter älterer Schüler, die sich engagieren wollen.

Zu welcher Verhütungsmethode raten Sie?

Das ist Sache der einzelnen Frauen. Die Pille, die man jeden Tag zur gleichen Zeit nehmen muss, erleben viele Bauersfrauen als unpraktisch. Die meisten entscheiden sich für Injektionen, die drei Monate lang vor einer Schwangerschaft schützen.

Sie haben Ihre Arbeit gerade begonnen, also kann man noch nicht über Erfolge sprechen?

Was ich sagen kann: Viele Frauen kündigen nach unseren Schulungen an, dass sie künftig verhüten wollen.

Was ist Ihr Ziel, wann ist ihre Arbeit erfolgreich?

Wir wollen die Geburtenrate halbieren. Dass junge Familien sagen, sie wollten lediglich zwei Kinder: Das wird schwierig. Aber dass sie auf drei Kinder reduzieren und sie damit ordentlich ernähren und in die Schule schicken können – das halte ich für möglich.

Eine persönliche Frage: Wie viele Geschwister haben Sie selbst?

Ich habe drei Schwestern und einen Bruder. Mein Vater pflanzte Gerste und Mais an und wir assen viele Bananen. Wir hatten nie viel, aber immer genug. Wir waren arm, aber nicht zu arm. Deshalb konnte ich meine Ausbildung abschliessen, und deshalb kann ich jetzt meinen Teil zur Entwicklung des Landes beitragen.

 

Zum Projekt