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Josefine Kamm im Gespräch: „Gemeinsam können wir viel bewirken“

Nach 18-jährigem Engagement für die Ärmsten der Armen in Äthiopien übergibt Josefine Kamm, Geschäftsführerin von Menschen für Menschen, die Verantwortung für die Stiftung an ihren langjährigen Kollegen und Stellvertreter Kelsang Kone. Ein kurzer Rückblick.

 

Frau Kamm, im Jahre 2001 reisten Sie mit Karlheinz Böhm zum ersten Mal in die Projekte. Was hat sich in Äthiopien seither verändert?

Der Krieg mit Eritrea war 2001 gerade zu Ende. Damals gab es in der Hauptstadt wenig und auf dem Land fast keine asphaltierten Strassen. Es wimmelte von bettelnden Kindern und Kriegsversehrten. Man sah und spürte überall, dass man sich in einem der ärmsten Länder der Welt befand. Heute gibt es einen neuen Flughafen, eine Strassenbahn, Industrieparks und teilweise Autobahnen. Addis Abeba boomt.

Das klingt doch gut!

Ja, heute berichten die Medien bereits vom Wunder am Horn von Afrika. Der neue Ministerpräsident Abiy Ahmed treibt mit seinen Reformen die Entwicklung rasant voran. Er hat Tausende politische Gefangene entlassen, Frieden mit Eritrea geschlossen, das Kabinett verkleinert und es zu 50 Prozent mit Frauen besetzt. Es vergeht kaum ein Tag ohne positive Nachrichten über sein Handeln zum Wohle der Bevölkerung. Ein wahrer Hoffnungsträger.

Braucht dann Äthiopien ihre Hilfe überhaupt noch?

Der Fortschritt kommt bis jetzt leider nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zugute. Die glitzernden Fassaden der Grossstädte täuschen. In den städtischen Slums herrscht ein Elend, das noch trostloser ist als das auf dem Land. Es gibt Familien mit kleinen Kindern, die in Höhlen aus Abfallholz, Blech und Plastikplanen hausen. Als Karlheinz Böhm Menschen für Menschen gründete, ging er in die entlegenen Dörfer. Mittlerweile gibt es eine starke Landflucht in die Städte, was die Not in den Armenvierteln noch dramatischer macht. Deshalb haben wir unsere Hilfe auf die Städte ausgeweitet.

Teamfoto der Stiftung Menschen für Menschen

Josefine Kamm mit dem Team beim Monitoring in den Projekten.

Wie gelingt Ihnen diese Neuausrichtung?

Wir kooperieren mit einheimischen Organisationen, die wir sorgfältig auswählen. Diese Partner haben langjährige Erfahrung und ihre Kompetenz bereits bewiesen. Wir entwickeln mit ihnen Projektpläne und begleiten und kontrollieren sie eng bei der Durchführung. Dabei können wir uns auf ein Team in Äthiopien und der Schweiz stützen, dessen Fachleute die DNA von Menschen für Menschen teils seit Jahrzehnten verinnerlicht haben.

So lange sind einige Mitarbeiter schon dabei?

Unser Landesrepräsentant Getachew Zewdu hat in Berlin studiert und dort als Ökonom gearbeitet, bevor er vor zwanzig Jahren in seine Heimat Äthiopien zurückkehrte und Menschen für Menschen zu seiner Lebensaufgabe wurde. Zur Seite steht ihm Dr. Martin Grunder, Geograf aus Bern, der im Jahre 2002 als Projektkoordinator zu Menschen für Menschen kam. Mein Nachfolger Kelsang Kone, Betriebsökonom mit Fachrichtung Kommunikation und Management von Non-Profit-Organisationen, ist seit zwölf Jahren eine tragende Säule in unserem Schweizer Team.

Karlheinz Böhm starb im Mai 2014. Was bedeutet der Gründer für Menschen für Menschen heute?

Er ist weiter unser Wegweiser. Karlheinz Böhm nannte Wut als seinen Antrieb. Wut kann auch sehr konstruktiv sein, wenn man sie dazu benutzt, etwas aufzubauen. „Wir dürfen die Diskrepanz und Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich nicht einfach hinnehmen.“ Das war stets seine Forderung.

Doch es gibt immer wieder Kritik an der Entwicklungshilfe. Sie mache arme Länder abhängig und die Menschen passiv.

Die Kritik bezieht sich vorwiegend auf zwischenstaatliche Budgethilfe, wo auch politische Interessen im Spiel sind. Wir als unabhängige Stiftung agieren anders. Wir arbeiten direkt mit mittellosen Familien. Unser Anspruch ist es, die Ärmsten der Armen zu erreichen und ihnen Lebensperspektiven in ihrer Heimat zu geben. Dabei ist es wichtig, dass die Bedürftigen immer auch selbst aktiv werden. Mit Schulungen und Mikrokrediten ermöglichen wir ihnen, sich aus dem Elend zu befreien und unabhängig von fremder Hilfe zu werden. Damit machen wir genau das, was auch Kritiker der Entwicklungshilfe als vorbildliche Ansätze hervorheben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nach einer halbjährigen Hauswirtschaftsausbildung in der Hauptstadt Addis Abeba haben alle unserer Teilnehmerinnen einen Job oder machen sich selbstständig. Das ist wirklich eine Erfolgsgeschichte. Pro Frau setzen wir 270 Franken ein – ein geringer Betrag, wenn man bedenkt, dass sie dadurch künftig ihre Kinder ernähren und selbstbestimmt leben kann.

Trotzdem meinen viele Menschen in der Schweiz, wir sollten uns lieber um die Probleme vor unserer Haustür kümmern.

Afrika ist nur scheinbar weit weg. Die nicht gelösten Probleme des Kontinents kommen zu uns, zum Beispiel in Form illegaler Armutsmigranten. Doch Afrika hat grosses Potential und bietet auch für Europa Chancen. Denn Wachstum und Konsum in Afrika fördern auch unsere Wirtschaft.

Mit welchem Gefühl verlassen Sie nun Menschen für Menschen?

Voller Zuversicht! Auf meiner Monitoringreise im vergangenen Jahr überzeugte ich mich persönlich von der Wirksamkeit unserer Arbeit in Äthiopien. Wir haben ein gut eingespieltes und kompetentes Team aus äthiopischen und Schweizer Mitarbeitenden. Gemeinsam haben wir viel bewirken können. Mit meinem Nachfolger Kelsang Kone, seit drei Jahren stellvertretender Geschäftsführer, habe ich die richtungsweisenden Entscheidungen der letzten Jahre zusammen getroffen. Die Übergabe ist fliessend vollzogen worden. Ich bin überzeugt, dass Kelsang Kone die Stiftung ganz im Sinne unseres Gründers Karlheinz Böhm weiterführen wird.

Worin sehen Sie den Fokus der Stiftung in den kommenden Jahren?

Wir machen eine gute und bewährte Arbeit. Aber es gibt immer wieder neue Herausforderungen, auf die Antworten gefunden werden müssen. 70 Prozent der Äthiopier sind unter 30 Jahre alt. Millionen, auch gut ausgebildete, Jugendliche stehen ohne Job auf der Strasse. Hier müssen wir ansetzen und mithelfen. Es braucht die Möglichkeit zur Bildung aber gleichzeitig auch genügend Jobs auf dem Arbeitsmarkt. Der Wandel in Äthiopien hat begonnen, jetzt braucht das Land erst recht unsere Unterstützung.