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Aus der Dunkelheit ins Licht

Früher mussten Tegist und Girma mit ihren Kindern in einer feuchten Erdhöhle hausen. Heute leben sie in einer Wohnung, die menschenwürdig ist. Und die Kinder lernen fleissig, um Ärztin, Schriftstellerin oder Politiker zu werden: Eine Geschichte über die atemberaubende Wandlung, die Menschen für Menschen mit einfachen Mitteln den ärmsten Familien Äthiopiens bringt.

 

WAS BRAUCHT EINE FAMILIE, UM GLÜCKLICH ZU SEIN? Offenbar nicht viel. Das ist der Eindruck, wenn man die Familie von Tegist Mengescha, 35, und ihrem Mann Girma besucht. Zweifelsfrei ist man hier bei einer glücklichen Familie zu Gast. Man sieht es daran, wie aufmerksam die Kinder miteinander sind. Wie zärtlich der Vater ist. Und die Mutter sagt lächelnd: „Mein Herz ist voller Freude.“

Ihr Leben wandelte sich zum Guten, als das Kinderprojekt von Menschen für Menschen für die 1000 ärmsten Kinder in der Stadt Debre Berhan begann. „Ich komme aus der Dunkelheit, aber meine Kinder werden im Licht leben“, sagt Tegist. Was sie damit meint, wird erschreckend klar, wenn sie über ihr Leben in bitterster Armut erzählt.

Aseb (links) und Eden in ihren Schuluniformen.

FRÜHER: DUNKLE TAGE

Tegist und Girma hatten von Geburt an Pech. „Ich kenne keine Mutterliebe“, sagt Tegist. Sie wuchs bei Verwandten auf, weil ihre Eltern gestorben waren. Dort wurde sie geschlagen und durfte keine Schule besuchen. Girma verbrachte seine Kindheit bei zwölf verschiedenen Familien, in denen er als Hütejunge diente. Seine Eltern gaben ihn weg, um einen Esser weniger im Haus zu haben. Einer seiner Herren schlug Girma derart, dass ein Fuss verkrüppelt wurde. Seither hinkt er.

Tegist und Girma begegneten sich als junge Leute in einer Kirche – und beschlossen, sich gegenseitig Halt und Stütze zu sein. Weil sie sich keine Wohnung leisten konnten, schliefen sie unter freiem Himmel. An einem Hang gruben sie in monatelanger Arbeit eine Erdhöhle mit zwei Räumen in den lehmigen Untergrund. Sechs Jahre lebten sie dort. Girma schnitzte Gehstöcke und verkaufte sie an Pilger in der nahen Kirche, Tegist flocht Körbe und bot sie für ein paar Rappen feil. Die Töchter Aseb und Eden kamen in der Erdhöhle zur Welt. „Ich wusste zu der Zeit nicht einmal, was ein Doktor ist“, erzählt Tegist. Nur Girma stand ihr bei den Geburten bei.

Irgendwann schafften sie es, in eine einfache Hütte umzuziehen, auch wenn sich die Eltern die Miete vom Essen absparten. Von Familien – planung und Verhütungsmöglichkeiten hatten Tegist und Girma nie gehört. Sie bekamen noch drei Söhne, einer hübscher und gescheiter als der andere. Doch das wenige Geld, das Girma als Hilfsarbeiter und Träger verdiente, reichte hinten und vorne nicht. „Es gab viele Tage, an denen die Kinder nur einmal assen und Girma und ich überhaupt nicht“, erinnert sich Tegist.

Vor ihrer Wohnung baut die Familie jetzt Salat und Gemüse an.

Aber was für die Eltern noch schlimmer war als der Hunger: Die Kinder wurden von Mitschülern geplagt. „Unsere Kleider waren schmutzig, weil wir kein Waschmittel kaufen konnten: Die Klassenkameraden lachten uns aus“, erzählt Aseb, 15, die Älteste. „Sie wollten nicht mit uns befreundet sein, weil wir so arm sind.“ Auch die Lehrer zeigten wenig Verständnis: In Äthiopien schreibt das Bildungsministerium Schuluniformen vor – einfach genähte Hosen und Hemden aus billigem Stoff. Doch weil Girma und Tegist keine Uniformen kaufen konnten, verwiesen die Lehrer die Kinder des Unterrichts. Selbst für Hefte und Stifte reichte das Geld nicht. „Was ist der Sinn, dass ihr zum Unterricht kommt, wenn ihr nichts aufschreiben könnt?“, sagten die Klassenlehrer – und schickten die Kinder nach Hause.

So geht es vielen Kindern der allerärmsten Familien in Äthiopien. Die meisten Eltern, ungebildet und mittellos, geben auf: Ihre Kinder werden zu Schulabbrechern – und zur nächsten verlorenen Generation. Aber Tegist kämpfte wie eine Löwin. Sie bettelte Nachbarn an, um Hefte und billige Kugelschreiber kaufen zu können. Sie suchte die Lehrer auf und flehte sie an, ihre Kinder den Unterricht besuchen zu lassen. „Es war schrecklich“, sagt die Mutter: „Ohnmacht gepaart mit dem Gefühl, wertlos zu sein.“ Aber sie überwand sich und appellierte an die Lehrer: „Ich bin arm, weil ich nie lernen durfte. Bitte lasst meine Kinder am Licht teilhaben!“

Gewöhnlich liessen sich die Lehrer erweichen und nahmen die Kinder wieder auf. Bis nach einer oder zwei Wochen der Unmut der Lehrer wieder überhand nahm und das bittere Spiel von vorne begann. „Ich weinte oft und fragte mich: Warum ist es so ungerecht?“, erinnert sich Noh, der Elfjährige. „Warum kann ich nicht einfach ein gutes Leben haben wie andere Kinder auch?“

Eden (links) und Aseb machen Hausaufgaben: „Endlich können wir jeden Tag zur Schule gehen.“

HEUTE: HELLE ZUKUNFT

Heute hadert Noh nicht mehr mit seinem Leben. Stattdessen denkt er an die Zukunft. „Ich möchte Premierminister werden“, sagt er. „Als Regierungschef werde ich auf die Kinderrechte achten und dafür sorgen, dass die Armen Bildung und Ausbildung bekommen. So wird Äthiopien wie Europa.“ Er selbst hat durch Menschen für Menschen nun die Voraussetzungen erhalten, in Würde aufzuwachsen und zu lernen.

Grundlegend ist dafür die Ernährung. „Wir erhalten für die Kinder monatliche Rationen mit Speiseöl, Linsen und Weizenmehl“, freut sich Tegist. Sie und ihr Mann Girma haben von den Entwicklungsexperten auch Samen erhalten, und sie wurden unterrichtet, wie sie auf dem Vorplatz ihrer Hütte intensiv Gemüse anbauen können. Salat, Kohl, Spinat, Karotten, Rote Bete: „Jetzt müssen wir keine Mahlzeiten mehr ausfallen lassen.“

Viele Monate lang war Josef, der Dreijährige, durch die Krätze geplagt. „Er hatte Wunden an seinen Schienbeinen. Er konnte oft nicht schlafen, weil es ihn so juckte“, erzählt die Mutter. Aber sie hatte kein Geld für eine Behandlung: Zum Projekt gehört eine umfassende Gesundheitsvorsorge. Menschen für Menschen übernimmt für die ärmsten Kinder bei akuten Leiden die Kosten: „Wir bekamen Medizin und Salbe und jetzt ist seine Haut wieder ganz gesund.“ Neben einem Wassertank zum Händewaschen vor der Hütte gehört auch der einfache PVC-Bodenbelag zu den Gesundheitshilfen von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe: „Früher hatten wir Ungeziefer in dem nackten Lehmboden. Jetzt können wir die Wohnung viel leichter sauber halten.“

Mit einfachen Mitteln hilft das Projekt den ärmsten Familien, ihre Wohnung menschenwürdig aufzuwerten. Neben dem PVC-Boden erhalten die Familien einfache Möbel. Jetzt müssen die Kinder nicht mehr auf dem nackten Boden schlafen, sondern liegen auf günstigen Matratzen aus Schaumstoff. „Ich kann jetzt viel besser lernen“, sagt Noh. Die Hefte kann er nun in einen grob gezimmerten Schrank sperren. „Jetzt fressen die Mäuse sie nachts nicht mehr auf.“ Und beim Schreiben liegt sein Heft nicht mehr auf dem Schoss, sondern auf einem einfachen Holztisch.

Seit die Kinder von Menschen für Menschen die notwendigen Schulmaterialien erhalten, haben sie keinen Unterrichtstag versäumt. „Ich möchte Ärztin werden, um anderen Armen zu helfen“, erzählt Aseb. „Aber am liebsten würde ich Schriftstellerin werden.“ Seit sie Papier und Stifte erhalten hat, verfasst sie Geschichten und Gedichte: „Ich schreibe darüber, wie es ist, arm zu sein. Wie man sich wertlos fühlt und unter Druck. Und darüber, was ich im Leben erreichen will.“

Manchmal trägt sie nun eines der Gedichte in der Schule vor – und erhält endlich auch von den Lehrern die Anerkennung, um die sie so lange gekämpft hat. Es kommt vor, dass sich der eine oder andere Zuhörer eine Träne aus den Augen wischt, wenn Aseb mit ihrer schönen, klaren Stimme ihre Verse rezitiert. Zuhause im Wohnzimmer gibt sie eine Kostprobe: „Früher lag ich wach in der Nacht / voll Sorge um die Zukunft / Aber eines Tages klopften gute Leute an unsere Tür / Ihre Grosszügigkeit ist gewaltig / Ich wünsche ihnen ein langes und gesundes Leben!“

Die „guten Leute“ in Asebs Gedicht sind die Mitarbeiter von Menschen für Menschen in Äthiopien – und die Spender in der Schweiz, die den 1000 ärmsten Kindern von Debre Berhan selbstlos gerechte Chancen geben.


WARUM WIR HELFEN:

Ohne Hilfe von aussen haben die 1000 ärmsten Kinder in der Grossstadt Debre Berhan keine Chance. Wir wollen, dass die Kinder Perspektiven für ein besseres Leben erhalten. Dieses Ziel fördern wir umfassend. Die Kinder erhalten Schulmaterialien und Lebensmittel. Wir bauen einfache Sozialwohnungen und verbessern die alten Hütten mit einfachen Mitteln, damit die Kinder in einem menschenwürdigen Umfeld aufwachsen. Die Mütter organisieren wir in Selbsthilfegruppen, wo sie Kleinkredite erhalten, um Kleinhandel oder Viehhaltung zu betreiben und ein stetiges Einkommen zu erzielen.

360 Franken kostet es, um einem der ärmsten Kinder solche umfassenden Lebensperspektiven ein Jahr lang zu ermöglichen.

 

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