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Familienhilfe: Die ärmsten Kinder brauchen Chancen

Familienhilfe in Debre Berhan

Getabalew bastelt sich Spielzeug aus Schrott

Getabalew lebt mit seiner Mutter auf einem Sammelplatz für Schrott und Plastik in Enge und Schmutz. „Ich möchte einmal Automechaniker werden. Oder Fahrer“, sagt der Fünfjährige. „Autos und Lastwagen finde ich toll!“ Der Junge gehört zu den 1000 ärmsten Kindern in der Grossstadt Debre Berhan, denen Menschen für Menschen Schweiz jetzt Lebenschancen bringt.

Getabalew hat noch nie in seinem Leben Spielzeug geschenkt bekommen. Also bastelt er sich selbst welches. „Mein Freund Alazar und ich nehmen Plastiktüten und Lumpen und umwickeln sie mit Schnur: So machen wir uns einen Fussball“, erklärt der Fünfjährige. Auf dem Schrottplatz, auf dem er mit seiner Mutter Sinke Tesfa wohnt, gibt es jede Menge Material zum Basteln. Getabalew sitzt auf dem Lehmboden des winzigen Verschlages aus Wellblech und Plastikplanen, in der er mit seiner Mutter lebt. Er nimmt einen Stein als Hammer und durchschlägt mit einem Nagel eine runde Scheibe aus Blech, bevor er sie an einem Stock befestigt: „Das ist jetzt mein Auto“, sagt der Junge. Dann rennt er mit Stock und Scheibe hinaus in den Regen, der den ungepflasterten Hof in ein Mosaik aus Pfützen
und Schlamm verwandelt. Dort spielt er so selbstvergessen, wie
es nur Kinder sein können.

Junge spielt mit Schrott

Selbstvergessen spielt Getabalew im Regen auf dem Sammelplatz für Wertstoffe

Sinke Tesfa steht in der Tür und betrachtet ihren spielenden Sohn mit ausdruckslosem Gesicht. „Solange ich lebe, soll er seinen Vater, diesen Schuft, niemals kennenlernen“, sagt sie. Ihre Stimme klingt ruhig, aber man ahnt ihren Schmerz und ihre Sorgen. Die 28-Jährige hat grosse, raue Hände. Es sind die Hände eines Menschen, der viele Jahre schwere körperliche Arbeit verrichtet hat. Als Kind lebte Sinke Tesfa nicht in der Stadt Debre Berhan, sondern in ei nem zwölf Kilometer entfernten Dorf. Schon früh musste sie auf dem elterlichen Hof mithelfen, Trinkwasser herbeischleppen, Brennholz hacken, Getreide mörsern. Am liebsten ging sie zur Schule. Doch im Dorf gab es nur Unterricht bis zur vierten Klasse. Danach hätte sie auf eine weiterführende Schule in der Stadt wechseln müssen. „Dafür haben wir kein Geld“, sagte ihr Vater. „Ich erinnere mich, wie wütend ich war“, erzählt Sinke mit tonloser Stimme. „Aber irgendwann habe ich die Wut aufgegeben. Es bringt ja nichts, wütend zu sein.

Mit 18 Jahren verliess sie ihre Familie: „Wir hatten nur wenig Land, es gab keinen Platz für mich.“ Mit 30 Birr (1,30 Franken) in der Tasche kam sie nach Debre Berhan. „Ich hoffte auf ein besseres Leben.“ Für 50 Rappen am Tag arbeitete sie künftig als Trägerin auf dem Bau und versorgte die Maurer mit Beton und Zement. Bei der Arbeit lernte sie den Tagelöhner Besufikadu kennen, er gefiel ihr, sie wurde schwanger von ihm. Doch als sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte, liess er sie im Stich. „Ich will dieses Kind nicht“, habe er gesagt. Seither sind die beiden geschiedene Leute. Manchmal sieht Sinke den Vater ihres Kindes in der Stadt, aber beide tun so, als ob sie sich nicht kennen.

Ganz auf sich allein gestellt, ging es für Sinke Tesfa abwärts. „Ich konnte nicht mehr auf dem Bau arbeiten mit dem Kind. Nach und nach musste ich meine Möbel verkaufen, um Essen kaufen zu können.“ Sie und Getabalew überleben nur, weil sie manchmal als Wäscherin Aufträge bekommt. Dann schrubbt und wringt und spült sie von morgens früh bis abends spät die Wäsche wohlhabender Familien – alles von Hand – und erhält dafür 40 Birr (1,75 Franken).

arme Mutter erhält Familienhilfe

Trotz der harten Arbeit reicht es nur für zwei einfachste Mahlzeiten am Tag für Sinke Tesfa. Sie spart sich die Bissen vom Mund ab, damit ihr Sohn eine grössere Portion bekommt. Aus Mitleid lässt die Abfall-Kooperative, die den Sammelplatz für Schrott und Plastik betreibt, Mutter und Kind in ihrer Unterkunft ohne Miete wohnen. Den Begriff „Wohnung“ hat diese Bleibe indes nicht verdient. Der Verschlag ist gerade mal drei Quadratmeter gross und wird von dem einfachen Bett fast vollständig ausgefüllt. Doch am schlimmsten ist, dass die Kammer nur durch eine Plastikplane von dem Abort der Schrottplatz-Arbeiter, einem offenen Graben in der Erde, getrennt ist. „Der Geruch und die Insekten sind nur schwer zu ertragen“, sagt Sinke Tesfa.

Leider ist ihre Situation kein Einzelfall. Den Familien der 1000 ärmsten Kinder in Debre Berhan, die in ähnlichen Verhältnisse leben, eröffnet ein neues Projekt von Menschen für Menschen Schweiz deshalb jetzt grundlegende Lebenschancen durch eine umfassende Förderung.

„Sinke Tesfa und ihr Sohn Getabalew gehören zu den ersten Familien, denen wir unverzüglich helfen“, erklärt Amanuel Grunder, Entwicklungsexperte von Menschen für Menschen Schweiz. „Eine derart katastrophale Lage erfordert schnelles Handeln.“


Epilog:

Unser Bericht schildert die Lage von Sinke Tesfa und ihres Sohnes während des Besuchs des Nagaya Magazins in Debre Berhan Anfang 2016. Inzwischen konnten ihnen erste Hilfen zuteil werden:

 

 

  • Dank unserer Sozialarbeiter konnten Sinke und ihr Sohn mittlerweile in eine menschenwürdige Unterkunft umziehen.
  • Sinke Tesfa ist jetzt Mitglied einer von Menschen für Menschen organisierten Selbsthilfegruppe. Dort erhielt sie verschiedene Schulungen, etwa in Hygiene, Erziehung und Grundlagen der Ökonomie.
  • Die Stiftung stattet die Selbsthilfegruppen mit Kapital aus, damit die Mitglieder Kredite erhalten können. Dank eines ersten Kredits konnte Sinke beginnen, auf dem Markt als Kleinhändlerin für Gemüse ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
  • Getabalew erhielt Schulmaterialien, um in der Vorschule starten zu können. Wir werden Getabalew weiter eng begleiten und auf unserer Homepage über ihn und die anderen bedürftigen Kinder berichten.