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Familien in Slums: Endlich menschenwürdig leben!

In den Slums Äthiopiens leben die Menschen in unvorstellbarem Elend. Viele Väter halten diese Not nicht aus und lassen ihre Familien im Stich. Aber die Mütter bleiben. Menschen für Menschen stärkt diese ärmsten Frauen – damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben.

 

Familien in Slums: MfM-Geschäftsführerin Josefine Kamm

MfM-Geschäftsführerin Josefine Kamm auf Projektbesuch in den Slums von Debre Berhan.

WIR WATEN DURCH EINE KOTIGE GASSE im Zentrum der Grossstadt Debre Berhan, vorbei an Verschlägen aus Plastikplanen und rostigem Blech und bücken uns unter einem niedrigen Eingang hinein in ein dunkles Loch. Dann ahnen wir, was es bedeutet, extrem arm zu sein.

In der Höhle aus Ästen, Wellblech und Plastikplanen leben auf sechs Quadratmetern fünf Menschen. Im Schein einer Taschenlampe schauen uns vier Kinder mit unsicheren Augen an. An einer Schnur hängt muffige Kleidung. Ein Wasseranschluss und eine Toilette? Gibt es nicht. Die Notdurft wird auf der Gasse verrichtet. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Bett: Mutter und Kinder schlafen auf einer alten Matratze am Boden und auf einer Bank aus Lehm. Eine dünne Decke liegt darauf. Sich darauf niederlassen? Besser nicht: Die Bisse der Flöhe jucken fürchterlich und sie können Fleckfieber übertragen. Der Rauch der Feuerstelle brennt in den Augen. Schon nach Sekunden wünschen wir uns hinaus, zurück in den Schlamm der Gasse, Hauptsache an die Luft, ans Licht.

«Die Kinder haben in diesem Loch ihre ganze Kindheit verbracht», sagt Josefine Kamm zurück auf der Gasse. «Dieses Elend kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat.» Die Geschäftsführerin von Menschen für Menschen ist auf Projektbesuch in Äthiopien. «Unser Ziel ist es, so viele Frauen und Kinder wie möglich aus diesem menschenunwürdigen Leben herauszuholen.»

Vor den Lösungen steht immer die Analyse, vor dem Tun das Zuhören. Deshalb lässt sich Josefine Kamm die Geschichte von Membere Tekle erzählen, die Mutter aus dem Loch, eine zierliche Frau mit hervorstechenden Wangenknochen. Mit leiser Stimme berichtet sie aus ihrem Alltag.

Familien in Slums von Debre Berhan

Membere Tekle und ihre jüngste Tochter vor ihrer Wohnung in einem Elendsviertel der Stadt Debre Berhan.

Auf ihren Mann kann sie nicht zählen. Er ist psychisch krank, eine Folge seiner Erlebnisse als junger Soldat im äthiopisch-eritreischen Krieg. Immer wieder verschwindet er für viele Wochen. Die meisten der ärmsten Kinder in Debre Berhan leben in Hütten ohne Väter. Die Männer ertragen die Not und die Ohnmacht nicht, viele betäuben sich mit Fusel, manche verlassen Frau und Kinder. Aber die Mütter bleiben. Memberes Ältester Eremias, 16, ist ein schlaksiger, höflicher Junge. «Ich habe Schuldgefühle wegen ihm», sagt Membere. Eremias sei ein heller Kopf. «Doch als Tagelöhnerin verdiene ich zu wenig, um Schulbedarf zu kaufen.» Oft fehlte Eremias im Unterricht, weil er auf die kleinen Geschwister Yarid, 6 und das eineinhalb Jahre alte Mädchen Amelmal aufpassen musste. «Deshalb blieb er in der siebten Klasse sitzen.» Es gab viele Tage, an denen sie nur einmal assen, berichtet die Mutter. Es gab auch Tage ganz ohne Nahrung: «Die Kinder auf morgen vertrösten zu müssen, das ist schrecklich.»

Ein winziges Einkommen, keine menschenwürdige Wohnung und keine Perspektive, da jemals herauszukommen: «In diesem Elend fühlen sich bereits die Kinder hoffnungslos und wertlos,» sagt Josefine Kamm. «Wir müssen alles dafür tun, die Kinder aus diesem Teufelskreis der Armut zu befreien.»

Deshalb hat Menschen für Menschen die 1000 ärmsten Buben und Mädchen der Stadt in ein Kinderprojekt aufgenommen. Die Sozialarbeiterinnen des Projekts sind jeden Tag in den Slums, machen Hausbesuche, beraten die Mütter. Diese waren häufig nie in einer Schule, jetzt lernen sie viel Neues zum Beispiel zum Thema Hygiene, Familienplanung, Kindererziehung oder wie sie mit wenig Mitteln ihre Familie ernähren können. Die Kinder erhalten bei Krankheiten medizinische Betreuung, im Alltag gesunde Lebensmittel und Schulmaterial, damit sie überhaupt zur Schule gehen können. «Entwicklung führt über Bildung: Das war einer der Überzeugungen unseres Gründers Karlheinz Böhm», sagt Josefine Kamm. «Wir schaffen die Voraussetzungen, dass die Entwicklung auch für diese Kinder möglich wird.»

Familien in Slums: Mutter vor neuer Wohnung

Die Wohnungen sind kostenbewusst nach lokalen Standards gebaut.

In fensterlosen und raucherfüllten Höhlen der Slums kann sich niemand entwickeln. Menschen für Menschen errichtet deshalb einfache Häuser. Sie haben Lehmwände und Blechdächer. Jeweils zwölf alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern finden dort Zwei-Zimmer-Wohnungen mit lokal gezimmerten Möbeln und mit Gemeinschaftslatrinen vor.

Eine der Wohnanlagen ist fast fertig. Nur noch die Türen und Fenster müssen eingesetzt werden. Eine der Mütter weint vor Freude, als sie dem Besuch aus der Schweiz ihre neue Bleibe zeigt. Auf einem freien Platz zwischen den Lehmhäusern haben sie Gras auf den Boden gestreut, kochen für die Gäste Kaffee in Tonkannen. Auch Membere zieht mit ihren vier Kindern ein: «Bevor ich Hilfe bekam, war ich verzweifelt», sagt die 31-jährige. «Jetzt habe ich Hoffnung.»

Familien in Slums

Vor den neuen Sozialwohnungen trifft sich Membere Tekle mit anderen Müttern zum Kaffee.

Membere hat wie die anderen Mütter Grundkurse in Rechnen, Schreiben und einfacher Buchführung erhalten, als Voraussetzung für Mikrokredite, mit denen sie ein kleines Gewerbe beginnen können. Sie handeln auf dem Markt mit Gemüse, halten Hühner und verkaufen Eier, frittieren Samosa auf der Strasse, betreiben Kioske mit Speiseöl, Zucker, Batterien, Seife. So lassen die Mütter den Hungerlohn als Tagelöhnerinnen auf dem Bau und als Wäscherinnen hinter sich. Lächelnd erzählen die Frauen beim Kaffee von Erfolgen und ihrem neu gewonnenen Selbstbewusstsein. Membere hat Jungschafe gekauft, mästet sie mit Marktabfällen. Einige Schafe hat sie bereits mit gutem Gewinn verkauft. «Mein Ziel ist eine eigene Kuh, denn Milch ist knapp in der Stadt und verkauft sich gut.»

Die Sozialarbeiterinnen begleiten die Frauen sehr eng, sie dokumentieren sogar die Schulnoten der unterstützten Kinder – und können so einen beachtlichen Fortschritt feststellen: Seit die ärmsten Kinder besser essen und bessere Lernbedingungen bekommen, holen sie auf: So wachsen ihre Lebensperspektiven. Als die Schule am Abend eine Ehrung für besonders gute Schüler organisiert, sitzt auch Membere Tekle in den Reihen der Eltern. Ihre Tochter Kalkidan, 8, wird nach vorne gerufen und erhält als Preis einen Schulrucksack. Alle klatschen und Membere lächelt.


WARUM WIR HELFEN

Ohne Hilfe von aussen haben die 1000 ärmsten Kinder in der Grossstadt Debre Berhan keine Chance. Oft sind ihre meist alleinerziehenden Mütter so arm, dass sie ihnen nicht einmal Stifte und Hefte kaufen können und die Kinder damit nicht zur Schule gehen können. Ihre Wohnsituation in den Slums ist menschenunwürdig. Wir wollen, dass die Kinder Perspektiven für ein besseres Leben erhalten.

AKTIVITÄTEN

  • Förderung des Schulbesuchs
  • Gesundheitsversorgung für Kinder
  • Mikrokredite und berufliche Bildung für Frauen
  • Schaffung von menschenwürdigen Wohnverhältnissen

Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!

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