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Esel in Äthiopien: Die treuen Helfer

Esel in Äthiopien: Schwere Last

Achtung, Schwertransport!

In keinem Land der Welt gibt es mehr Esel als in Äthiopien. Sie sind für einfache Bauernfamilien unverzichtbar. Doch die genügsamen Grautiere müssen geschützt werden: Chinesische Käufer würden ihnen gerne ans Leder.

Es waren einmal ein Löwe, ein Leopard, eine Hyäne und ein Esel. Es hatte lange nicht geregnet und es herrschte eine grosse Dürre. Hatte einer von ihnen gesündigt und Gott strafte sie alle? Vielleicht sollten sie um Vergebung bitten?

Die Raubtiere gestanden nacheinander. Der Löwe hatten einen Ochsen gerissen, der Leopard einer Ziege die Gurgel durchgebissen, die Hyäne ein Huhn aus dem Dorf gestohlen. Aber immer beruhigten sie sich gegenseitig: «Nein, nein, das ist keine Sünde!»

Die Reihe kam an den Esel. Er überlegte lange. «Einmal traf mein Herr einen Freund und plauderte mit ihm», sagte er dann. «Ich nutzte die Pause, um am Wegrand ein paar Blumen zu knabbern.» Der Löwe, der Leopard und die Hyäne schüttelten fassungslos mit den Köpfen: «Das ist eine schwere Sünde! Du bist schuld an unserem Elend!» Dann stürzten sie sich auf ihn und frassen ihn.

Esel in Äthiopien: Eine Entlastung für die Frauen

Esel entlasten die Frauen: Dank der Packtiere müssen sie kein Trinkwasser schleppen.

In dieser alten äthiopischen Fabel steckt viel Weisheit, neben dieser Erkenntnis: Dem Esel ist seit alters her keine glorreiche Rolle zugedacht. Welche Ungerechtigkeit! Denn bis heute ist er für Millionen Menschen von grösster Bedeutung.

In Europa kennt man das Tier fast nur aus der weihnachtlichen Krippe, doch in Äthiopien begegnet man ihm jeden Tag. Am Rande von lokalen Märkten, auf denen Bauern ihre Anbauprodukte feilbieten, stehen oft Hunderte der Grautiere und warten mit hängenden Köpfen auf die Rückkehr ihrer Herren. Rund sieben Millionen Esel gibt es in Äthiopien – mehr als in jedem anderen Land der Welt. In vielen Landstrichen gibt es kaum Strassen, nur steinige Pfade, auf denen Esel das einzige Transportmittel sind. Die Besitzer muten ihnen schwere Lasten von fünfzig Kilogramm zu, manchmal auch bis zu 150 Kilogramm. Die Tiere schleppen Holz, Getreidesäcke und Wasserkanister auf ihren Rücken und oft genug tragen sie auch vor Schwäche wankende Kranke auf dem Weg zu einer weit entfernten Gesundheitsstation. Selbst mit schwersten Lasten wandern sie in vier Stunden rund zwanzig Kilometer weit. In den Städten, wo es holprige Strassen gibt, spannt man sie vor rumpelnde Karren, so verzehnfacht sich ihre Transportleistung, teils bewegen sie mehr als eine Tonne Lasten.

Esel in Äthiopien: Konvoi mi Gerstenstroh

Ein Konvoi mit Gerstenstroh.

Nun dräut den Grautieren und ihren Besitzern Gefahr aus China. Denn die dortige medizinische Industrie verlangt nach Eselhäuten. Daraus wird «Eiiao» gekocht, eine Gelatine, die pro Kilogramm über 350 Schweizer Franken kostet. Trotz solcher Preise wächst die Nachfrage durch den wachsenden Wohlstand im Reich der Mitte. Die angebliche Medizin wird Tonikum und in Form von Tafeln verkauft, die an Schokolade erinnern. Sie soll beispielsweise die Haut verjüngen, gegen Gelenkschmerzen und Blutarmut helfen.

Die Nachfrage ist offenbar gross. 5000 Tonnen produziert China jährlich und verkocht dafür die Häute von vier Millionen Eseln. Das treibt die Preise in Afrika in die Höhe, teils hat sich der Preis verzehnfacht.

Esel in Äthiopien kosten 140 bis 200 Franken. Viele Familien können sich solche Preise nicht leisten. Darunter leiden zuerst und vor allem die Frauen. Denn wenn es keine Esel mehr gibt, sind sie es, die zu Lastenträgern werden, müssen das Getreide selbst zum Markt schleppen und das Trinkwasser in die Hütte.

Doch nun regt sich starker Widerstand gegen den Ausverkauf: Eine neu eröffnete chinesische Esel-Schlachterei in Bishoftu wollte die Häute nach China exportieren und das Fleisch nach Vietnam. Doch schon nach vier Wochen und 2000 verarbeiteten Eseln musste der Betrieb aufgrund lokaler Proteste wieder schliessen. „Esel zu schlachten, das passt nicht zu unserer Kultur“, sagten die lokalen Würdenträger. Unlängst verhängte die äthiopische Regierung ein Exportverbot.

Esel in Äthiopien: Spediteurin mit Transportfahrzeug

Fantu Hamiu: Spediteurin mit Transportfahrzeug.

Also nützen die Esel weiter den armen Familien – auch in den Projekten von Menschen für Menschen. In der Savanne von Subuli beispielsweise verbessern wir mit Kleinkrediten die Stellung der Frauen in den traditionellen Hirtengesellschaft. Manche der Hirtinnen beginnen einen Kleinhandel. Sie bringen Zucker, Salz, Kaffee, Seife und andere Waren des täglichen Bedarfs aus den Städten in die weit verstreuten Nomadenhütten – natürlich auf den Rücken ihrer Esel, die geduldig und genügsam durch die Weiten der Savanne trotten.

Im Bezirk Abaya hat die Bauersfrau Fantu Hamiu, 40, mit einem Kleinkredit von Menschen für Menschen für umgerechnet 140 Franken einen Esel gekauft – und wurde von der Hausfrau zur Transportunternehmerin. Besonders in der drei Monate andauernden Erntezeit verdient sie mit Mais- und Kaffeetransporten vom Dorf zum Markt jeden Tag 100 Birr, das sind dreieinhalb Franken. «Ich konnte meinen Kredit ohne grosse Mühe zurückzahlen», freut sich Fantu Hamiu. «Jetzt kann ich den vollen Verdienst für Lebensmittel, Schulbedarf für meine Kinder und Waren des täglichen Bedarfs einsetzen.»

 

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