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Die Machtlosigkeit ist vorbei

Wir bieten besonders armen Müttern in Äthiopien Hauptstadt Addis Abeba eine Ausbildung. Das Zeugnis als Köchin und Hauswirtschafterin gibt Zuversicht auf ein selbstbestimmtes Leben. Ende Januar feierten 112 Frauen ihre Abschlussfeier. Drei Absolventinnen erzählen von Missbrauch und Machtlosigkeit vor der Ausbildung – und von neuer Hoffnung:


«Niemand soll meine Töchter so behandeln, wie ich behandelt wurde»

Meskerem Abera hat zwei Töchter, sechs und vier Jahre alt. Die Dreissigjährige leidet an dem Verrat, den ihr Mann an ihr beging – und an der Armut, in die sie dadurch rutschte.

Kochabsolventin bei der Abschlussfeier in Addis Abeba,

Meskerem Abera bei der Abschlussfeier

Mein Mann und ich waren sieben Jahre lang verheiratet und hatten nie ernsthaft gestritten. Wir lebten in Hawassa, der Heimatstadt meines Mannes. Eines Tages war ich mit den Kindern zu Besuch bei meinen Eltern in Addis Abeba. Mein Mann rief an und sagte, ich möge eine Wohnung suchen. Er habe eine Arbeit in Gambella an der sudanesischen Grenze gefunden. Es gebe keinen Grund für mich, nach Hawassa zurückzukehren. Drei Monate lang sprachen wir nur am Telefon. Er sagte, er sei in Gambella, der neue Job schwierig, er sei müde und ausgelaugt. Eines Tages bekam ich einen Anruf aus Hawassa: Unsere Vermieterin erzählte mir, dass mein Mann eine andere Frau heiraten wolle. Ich war wie vor den Kopf gestossen! Wir waren doch verheiratet, wie konnte er eine andere Frau heiraten? Aber es stimmte: Die Vermieterin schickte mir über Whatsapp die Einladungskarte zur Hochzeit.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die einzige Möglichkeit war, bei meinen Eltern zu leben, doch sie sind alt und haben selbst nicht viel. Eigentlich sollte ich meine Eltern unterstützen und jetzt bin ich ihnen eine Bürde: Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas passieren würde! Ich hatte keine Ausbildung und war Hausfrau. Meinen Mann auf Alimente zu verklagen, machte keinen Sinn. Hawassa ist seine Stadt, ich bekomme bei den dortigen Beamten mein Recht bestimmt nicht!

Was sollte aus den Kindern und mir werden? Ich war so wütend und niedergeschlagen! Dann hörte ich von der Ausbildung von Menschen für Menschen, ich bewarb mich und wurde im Programm aufgenommen. Es tat gut, etwas zu lernen und Hoffnung zu schöpfen, es aus eigener Kraft zu schaffen.

Aber dann kam Corona. Die Ausbildung wurde unterbrochen. Auch die Schulen wurden geschlossen. Das war auch deshalb schlimm, weil meine sechsjährige Tochter dort jetzt kein Lunch mehr bekam, ihre Hauptmahlzeit. Ich hatte nicht genug Geld, um Essen zu kaufen. Die Sorgen waren schlimm – bis Menschen für Menschen sich bereit erklärte, uns während der Pandemie mit Nothilfe in bar zu unterstützen. Dieses Geld war so wichtig für uns! Es bewahrte uns vor der grössten Not.

Jetzt habe ich die Ausbildung geschafft. Ich habe Hoffnung. Am liebsten würde ich als Kellnerin in einem Hotel arbeiten. Ich möchte, dass meine Töchter starke Frauen werden. Das ist mein grösster Wunsch! Sie sollen von niemandem so behandelt werden können, wie mich mein Mann behandelt hat.


«Ich lasse die Vergangenheit hinter mir!»

Misrak Wodajo, 22, bekam nach einer Vergewaltigung mit 16 Jahren ihr erstes Kind. Sie ist alleinerziehende Mutter eines sechsjährigen Buben und eines zweijährigen Mädchens.

Kochabsolventin mit Tochter

Während des Unterrichts konnte Misraks Tochter die Kinderkrippe des Ausbildungsprojekts besuchen

Ich bin Waise und habe keine Familie. Meinen Vater kannte ich nicht. Meine Mutter starb, als ich drei Jahre alt war. Meine Kindheit war nicht gut. Ich wuchs bei einer Tante auf. Sie sprach abfällig zu mir, sie schlug mich auch. In der zehnten Klasse wurde ich vergewaltigt. Ich spreche eigentlich nicht darüber. Der Mann zog mich auf einen Friedhof, dort geschah es. Ich habe versucht, mich meiner Tante zu offenbaren, aber sie glaubte mir nicht. Darauf lief ich weg. Was ich nicht wusste: Ich war schwanger.

Ich verlor meine Jugend, meine Unschuld, niemand kam, um mir zu helfen: Ich bekam meinen Sohn Isaak auf der Strasse, ein Jahr lang war ich obdachlos. Zum Glück habe ich nie Drogen genommen, sonst wäre ich jetzt wohl nicht hier. Isaak war vier Monate alt, als mich meine Tante auf der Strasse aufsuchte. Sie bat mich, ihr zu verzeihen und zurückzukommen. Auch ich entschuldigte mich für die Fehler, die ich gemacht hatte. Ich schaute mir bei anderen Frauen ab, wie sie Frisuren flechten und bot diesen Service selbst an. Auch buk ich Brot für Leute aus der Nachbarschaft. So sorgte ich für Isaak.

Leider machte ich dann einen Fehler: Ich lernte einen Mann kennen. Erst später erfuhr ich, dass er verheiratet war. Ich verstehe nicht richtig, wie es passieren konnte, aber ich war erneut schwanger. Darauf wollte mich meine Tante aus dem Haus werfen. Doch ich weigerte mich zu gehen, weil ich wusste, wie es mir beim ersten Mal ergangen war, als ich davonlief. Ich arbeitete hart, durch meinen Verdienst im Frisuren machen gelang es mir im Laufe der Zeit, auch die Tante zu versorgen.

Der Schmerz der Vergangenheit ist in mir, aber ich will nicht daran denken. Ich preise Gott, er hat mir die Kinder geschenkt! Aber ich werde keine neuen Fehler machen.

Kochabsolventin bei der Abschlussfeier

Mit Maske und äthiopischen Farben: Misrak bei der Abschlussfeier

Ich bin so froh, dass ich diese Ausbildung bei Menschen für Menschen bekommen und jetzt abgeschlossen habe. Es gibt für uns Auszubildende mit kleinen Kindern auch eine Kinderkrippe. Dass ich dort meine Tochter Timnit abgeben konnte: Das war wunderbar.

Morgens ging ich zum Unterricht, nachmittags machte ich Frisuren, wusch die Wäsche von anderen Leuten und putzte in Häusern im Viertel. Meine Tochter war immer dabei, auf meinem Rücken. Aber dann kam Covid und die Menschen hatten so grosse Angst, dass alle Türen verschlossen blieben. Die Ausbildung wurde unterbrochen, für lange acht Monate. Ich verlor an Gewicht und es gab Tage, an denen ich sogar für die Kinder Mahlzeiten ausfallen lassen musste.

Die meisten Menschen überlebten durch die Hilfen ihrer grossen Familien, von der Unterstützung eines Bruders oder Onkels. Aber ich habe ja keine Familie. Zum grossen Glück bekam ich dann Nothilfe in bar von Menschen für Menschen. Ich frage mich, ob meine Kinder noch gesund wären, wenn ich dieses Geld nicht bekommen hätte. Damit konnte ich die Miete bezahlen und Lebensmittel kaufen. Ich verwaltete das Geld sehr sorgsam und kaufte nur dasl Allernotwendigste.

Die Lehrer im Kurs waren sehr gut. Ich habe mich nicht nur in der äthiopischen Küche verbessert, ich kann jetzt auch internationale, moderne Speisen kochen. Ich möchte nicht unbescheiden klingen, aber ich bin sehr gut darin! Auch backen habe ich gelernt. Zwar haben wir zu Hause keinen Herd, aber ich backe jetzt Kuchen für die Kinder in einem Topf über einem Feuer mit Holzkohle.

Die Pflege von Säuglingen und Kleinkindern stand auch auf dem Lehrplan. Ich habe gelernt, wie man in einem modernen Hotel kellnert. Ich habe jetzt einen Abschluss! Nie hätte ich gedacht, dass ich das erreichen kann. Ich bin allen dankbar, die geholfen haben, dass ich als Frau stark und selbstbewusst geworden bin. Nie hat mir vorher jemand geholfen!

Ich war so lange niedergeschlagen. Jetzt werde ich es schaffen, mein eigenes kleines Restaurant aufzumachen. Dort wird es auch internationale Speisen geben. Zunächst aber werde ich versuchen, irgendwo eine feste Stelle zu bekommen – in der Kinderbetreuung, in einem Restaurant in einem Hotel, egal.

Immer wenn ich zum Unterricht mit den anderen Frauen kam, fühlte ich eine Art Frieden und Zuversicht: Ich werde meine Vergangenheit hinter mir lassen. Und wenn der Schmerz kommt, schaue ich meine Tochter an – sie erfüllt mich immer mit Freude.


«Ich hoffe, dass mein Sohn nie Wut fühlt, weil ich ihn geboren habe»

Aynalem Zerefu, 32, verliess bereits mit 16 Jahren ihre Heimat Addis Abeba, um in Beirut als Hausmädchen zu arbeiten. Insgesamt war sie 14 Jahre im Libanon. Immer wieder wird sie überwältigt von Tränen und muss sich sammeln, um ihre Lebensgeschichte erzählen zu können.

Kochabsolventin bei der Abschlussfeier in Addis Abeba

«Ich möchte nie nach Arabien zurück!»

Mein Vater starb, als ich 14 war. Ich sah, wie schwer es meine Mutter hatte, uns fünf Geschwister alleine durchzubringen. Ich war 16, als ich mich entschied, nach Arabien zu gehen, um Geld zu verdienen. Meinen Pass bekam ich unter Vorlage meines Schulausweises und plötzlich war ich in Beirut.

Zunächst arbeitete ich als Hausmädchen bei einer Grossfamilie, die in mehreren Häusern wohnte. Wenn ich in einem Haus fertig war, musste ich ins nächste: Die Kinder versorgen, kochen, putzen: Ich schlief manchmal nur vier Stunden pro Nacht. Der Lohn betrug nur 100 Dollar im Monat, und um den musste ich betteln, damit meine Chefin ihn mir gab.

Nach sechs Monaten hatte ich genug, ich bat die Vermittlungsagentur um einen neuen Job. Doch bei den neuen Hausherren war es nicht besser. Ich arbeitete in vielen Häusern. Immer, wenn mir ein Hausherr oder eine Hausherrin den Lohn verweigerte, bat ich das Vermittlungsbüro um eine andere Stelle. Ich wollte nicht zurück nach Hause. Ich wollte meiner Mutter Geld senden und ich wollte Geld für mich sparen.

Einmal gab es einen Streit mit einer Hausherrin. Sie rief „Du wagst es, mir zu widersprechen?” und stiess mich die Treppe hinunter. Ich weiss nicht, ob es Absicht war. Eine Bandscheibe verrutschte und ein Jahr und zwei Monate lang trug ich eine Halskrause. Aber es wurde nie wieder gut. Bis heute kann ich nicht weit gehen. Rennen kann ich überhaupt nicht und schwer tragen auch nicht mehr.

14 Jahre arbeitete ich im Libanon. Ein paar Mal war ich auf Heimatbesuch und einmal hatte ich einen Freund. Vor elf Jahren, zurück in Beirut, entdeckte ich, dass ich schwanger war. Ich erzählte es meinem Freund am Telefon. Er hielt nicht zu mir und machte Schluss. Ich überlegte, ob ich zu einer illegalen Abtreiberin gehen sollte, aber ich hörte schreckliche Geschichten von Frauen, die es versucht hatten. Ich verbarg meine Schwangerschaft bis zum achten Monat vor meinen Arbeitgebern, dann flog ich nach Hause, um Nathnael zu bekommen, meinen Sohn.

Sechs Monate blieb ich nach der Geburt – dann liess ich ihn bei meiner Mutter, lieh mir Geld für den Flug und reiste wieder nach Beirut: Jetzt musste ich nicht nur meine Mutter versorgen, sondern auch mein Baby.

Es war furchtbar, von Nathnael getrennt zu sein. Meine Gedanken waren immer zu Hause in Addis Abeba. Oft träumte ich, meinen Sohn zu verlieren, im Traum starb entweder meine Mutter oder er und ich wachte auf. Ich weinte oft in diesen Nächten.

Kochabsolventin bei der Abschlussfeier in Addis Abeba

Aynalem bei der Abschlussfeier

Als Nathnael sieben Jahre und zwei Monate alt war, kehrte ich endgültig nach Äthiopien zurück. Ich hatte einen Anruf erhalten, dass meine Mutter krank sei und reiste überstürzt nach Hause. All die Jahre hatte ich Nathnael nicht gesehen!

Und da traf ich die Entscheidung: Ich bleibe. Beirut machte keinen Sinn. Oft genug hatten die Arbeitgeber einfach den Lohn einbehalten, ich konnte kaum etwas sparen. Also konnte ich auch zu Hause als Tagelöhnerin arbeiten, Hauptsache, ich war bei meinem Sohn.

Jetzt bin ich zwei Jahre und fünf Monate zurück. All diese Jahre kämpfte ich, um mein Kind, meine Mutter und die Geschwister zu versorgen. Aber ich schäme mich, wenn ich darüber nachdenke. Denn ich konnte die Jahre nicht für eine Ausbildung nutzen oder mein Leben verbessern. Es gibt hier in Äthiopien so viele Frauen, die nach Arabien wollen und sich ein besseres Leben erhoffen. Aber für mich ist dieser Traum geplatzt. Ich habe jetzt erkannt: Es ist möglich, unsere Zukunft zu verbessern, wenn wir in unserem Land bleiben.

Als Rückkehrerin bekam ich von der Gemeindeverwaltung einen Platz zugewiesen im zweiten Stock eines Gebäudes und einen kleinen Kredit. Damit kaufte ich eine Singer-Nähmaschine. Aber der Ort ist zu abgelegen für eine Werkstatt, es kam keine Laufkundschaft und ich wurde niedergeschlagen. In dieser Zeit hörte ich von einer Freundin, die bei Menschen für Menschen eine Ausbildung zur Köchin gemacht hatte, dass es diese Chance wieder gab. Tatsächlich wurde ich aufgenommen und die Zeit hier war grossartig. Ich fühlte mich als Teil einer Familie. Alle waren gleich, niemand wurde bevorzugt und es gab keine Vorurteile.

So lange war ich abhängig und ohnmächtig im Libanon. Jetzt möchte ich am liebsten meine eigene Chefin sein: Ab jetzt stelle ich traditionelle Gewürzmischungen her und verkaufe sie selbst in meinem Viertel. Ich bin überzeugt: Dank meiner Kenntnisse werde ich erfolgreich sein!

Wenn ich heute über all die Jahre nachsinne, sage ich mir, dass sicher alles einen Sinn hatte. Ich habe Geduld erlernt, und ich versuche dankbar zu sein für alle Prüfungen.

Es gab Zeiten, da verspürte ich Wut auf meine Mutter, allein dafür, dass sie mich in diese Welt hineingeboren hatte. Ich hoffe, dass mein Sohn so nie fühlen wird. Deshalb möchte ich hart arbeiten und unser Leben zum Guten wenden.

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