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Aufforstungen in Fogera: Natur und Menschen schützen

«Lasst uns Bäume pflanzen!»

Viel Steine, wenig Brot: Das ist die Situation in Fogera, nachdem die Menschen aus Not die Wälder abgeholzt haben. Das Projekt von Menschen für Menschen ist ein Wendepunkt: So wie Muchit Worke pflanzen die Kleinbauern jetzt überall in dem Landbezirk neue Bäume – insgesamt 1’000’000 Exemplare.

In unserer Baumschule ziehen wir die Pflänzlinge heran

In diesem Jahr haben wir eine Million Exemplare erreicht

In Fogera gibt es viele «Gullys». Das sind Gräben, die sich bei Wolkenbrüchen vertiefen und Boden mitreissen

Durch den Bau von Quermauern und dem Pflanzen von Bäumen können die Bauern die Erosion stoppen

In wenigen Jahren werden die Grundschulen in Fogera zu grünen Inseln: Die Schülerinnen und Schüler haben rund um ihre Klassenräume Setzlinge gepflanzt

Auf dem täglichen Stundenplan steht jetzt auch das Wässern der Bäumchen

Bäuerin geht durch den einen Abschnitt mit jungen Bäumen

Muchit Worke in ihrem neuangelegten Wäldchen: In Fogera wachsen die Bäume erstaunlich schnell

MUCHIT WORKE, 48, HAT RAUE, ABGESCHAFFTE HÄNDE. Wie viele Frauen Fogeras trägt sie am Hals traditionelle Tattoos und an den Füssen keine Schuhe. Das ist erstaunlich, denn manche Äcker rund um den Hof ihrer Familie erinnern an Geröllfelder in den Alpen. Barfuss gehen muss eine Qual sein: Äcker und die Pfade darüber sind übersät von faustgrossen Steinen. Vom Mutterboden dagegen ist nur noch wenig da: In den Regenzeiten haben die Fluten die fruchtbare Erde hinfort gespült. In den Trockenzeiten hat der Wind den feinen Boden weggeblasen. «Es ist, als ob wir in einer Wüste leben», sagt Muchit Worke. Fogera, ein armer Bezirk im Norden Äthiopiens: So gut wie alle Einwohner sind Kleinbauern und Tagelöhner. Viele Familien haben weniger als einen Hektar Land – das entspricht eineinhalb Fussballfeldern. Sie leben allein von dem, was darauf wächst: Teff, das alte äthiopische Getreide, Hirse, Mais. Aber die Landwirtschaft auf den erschöpften Böden wirft nur wenig ab. Viele Familien haben viele Monate im Jahr nicht genug zu essen. Sie rationieren ihre Mahlzeiten, leiden Mangel und Not.

Das hat auch mit dem Wald zu tun. Besser: Mit dem Wald, den es nicht mehr gibt. «Als ich vor dreissig Jahren heiratete und auf den Hof meines Mannes kam, waren hier zwei Drittel des Landes mit Bäumen bedeckt», erinnert sich Muchit Worke. «Das Vieh hatte zu fressen in Hülle und Fülle: Wir trieben es einfach in den Wald zum Grasen.» Aber wo ist der Wald geblieben? «Das ist einfach zu beantworten», sagt Muchit Worke. «Die jungen Leute gründeten Familien. Sie brauchten Äcker, um ihre Kinder zu ernähren.»

Bäuerin entfernt Seitentriebe bei einem jungen Baum

Muchit Worke entfernt Seitentriebe, damit ihre Bäume schön gerade und schnell in die Höhe wachsen

Aber wo der Wald gerodet wird, verschlechtert sich das Mikroklima und der Wasserhaushalt, sinkt der Grundwasserspiegel, versiegen Bäche. In der Regenzeit gibt es keine Baumwurzeln mehr, die Niederschläge bremsen könnten – deshalb wird der Boden abgeschwemmt. Der Klimawandel verstärkt die negativen Effekte. Die Regen kommen teils heftiger und später im Jahr. Und sie sind für die Bauern unberechenbar. Das erschwert die Aussaat und gefährdet die Ernten.

Menschen für Menschen will die Kleinbauern widerstandsfähiger machen gegen die Klimaerwärmung und die Tragfähigkeit der Landschaft wiederherstellen. Mit Schulungen und landwirtschaftlichen Inputs wie verbessertem Saatgut erhöhen unsere Mitarbeiter die Resilienz der Familien. Sie bringen den Kleinbauern bei, wie sie auf ihren Feldern möglichst gute Erträge erreichen. Beispielsweise durch Agroforstwirtschaft und Mischkulturen: Unter Obstbäumen gedeiht Gemüse, auf den Feldern werden gleichzeitig Bohnen und Getreide angebaut.

Innerhalb von drei Jahren haben wir in einer eigens eingerichteten Pflanzschule eine Million Bäume gezogen. Mitte 2022 pflanzten die Entwicklungsexperten zusammen mit den Einheimischen das letzte Drittel – an Hängen und Erosionsgräben, an Schulen und auf dem Land einzelner Familien.

Muchi Worke mit ihren drei Kindern

Hoffnung auf eine Zukunft auf dem elterlichen Hof: Muchit Worke mit ihren Kindern

Muchit Workes Familie konnte 2021 rund 1000 Bäume pflanzen, im Vorjahr rund 2000. Zypressen, Akazien, aber vor allem australische Silbereichen. Unter den tropischen Bedingungen in Fogera und regelmässigem Wässern wachsen sie erstaunlich schnell: Die grössten Exemplare sind bereits rund vier Meter hoch.

Auf Dauer wird durch die Vielzahl der Pflanzungen das Kleinklima verbessert, der Wasserhaushalt stabilisiert und die Erosion gebremst, letztlich die Ernten verbessert: Es geht vor allem um die Bekämpfung der Armut und die Sicherung der Ernährung. Aber ein positiver Nebeneffekt ist der weltweite Klimaschutz: Allein die 3000 Bäume auf dem Land von Muchit Worke entziehen der Atmosphäre in zehn Jahren rund 166 Tonnen des Klimagifts CO2. Zum Vergleich: Bei einem Transatlantikflug entstehen pro Flugpassagier rund 2,5 Tonnen CO2.

«Damit die Bäume gut wachsen, ästen wir sie aus», erzählt Muchit Worke in ihrem Wäldchen. Damit hat die Familie bereits einen praktischen Nutzen von der Aufforstung: die Ziegen bekommen die Blätter, die Zweige dienen zum Anheizen des täglichen Kochfeuers. Und Muchit Worke geniesst in der Mittagshitze Fogeras den Schatten des Wäldchens. Die geraden Stämme der australischen Silbereiche eignen sich sehr gut als Bauholz – wenn Muchit Workes Familie sie irgendwann einschlägt, um Einkommen zu erzielen, bleibt das CO2 somit klimafreundlich in Häusern gebunden.

In Schulungen von Menschen für Menschen haben die Bauern das Konzept der Nachhaltigkeit kennengelernt: Jeder gefällte Baum muss durch neue ersetzt werden. «So machen wir es ab jetzt», sagt Muchit Worke. «Jedes Jahr pflanzen wir weitere Bäume um unsere Bauernhöfe und Felder.»


WARUM WIR HELFEN

Die Wälder im Landkreis Fogera sind aus Not abgeholzt worden. Dies führt zu Bodenerosion. Der globale Klimawandel bringt grössere Trockenheit und die Niederschläge fallen nicht mehr stetig. Die Ernten fallen deshalb gering aus. Viele Familien leiden unter Nahrungsmangel.

WAS WIR TUN

Wir pflanzen gemeinsam mit den Kleinbauern rund eine Million Bäume – etwa ein Drittel an Hängen und in Erosionsrinnen, ein weiteres Drittel rund um Schulen, öffentlichen Gebäuden und Dorfplätzen. Das letzte Drittel geht direkt an die Bauern. Sie pflanzen die Setzlinge als Erosionsschutz entlang Feldrainen, Hängen oder als Schattenbäume und Windschutz um ihre Höfe. Gleichzeitig sorgen wir mit Schulungen und landwirtschaftlichen Inputs wie Saatgut dafür, dass die Familien Ernten und Einkommen verbessern, um langfristig in ihrer Heimat menschenwürdig leben zu können.

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